Freitag, 22. November 2013

Ahnenprojekt : Die bewegte Geschichte meiner Uroma

Hallo ihr Lieben,

passend zu den diversen Ahnen- und Totenfesten in dieser Zeit des Jahres wollte ich euch die Geschichte meiner Uroma erzählen.

Das Leben eines Menschen prägt seinen Charakter und beeinflusst wiederum die nächste Generation. Die Erfahrungen, die unsere Ahnen gemacht haben, sind also auch ein Grund für unseren Charakter, für unsere Ansichten und Entscheidungen im Leben. Und überhaupt auch der Grund, warum und wie wir jetzt hier und heute existieren. Bei meiner Uroma ist das für mich besonders deutlich. Zum einen beeinflusste ihr Charakter meine Mama (und damit wohl auch meine Geschichte) maßgeblich. Zum anderen führten die Veränderungen und Erfahrungen in ihrem Leben überhaupt erst dazu, dass der von ihr ausgehende Familienzweig so herauskam, wie er jetzt ist, mit mir am Ende.

Aber ich fange von vorn an. Meine Uroma Vally wurde 1897 im schlesischen Breslau geboren. Schlesien ist ein Gebiet, das im Laufe der Zeit zu verschiedenen Staaten gehörte und dessen Bevölkerungszusammensetzung, Sprachen und Dialekte ein ziemliches Chaos waren (und teilweise noch immer sind). Damals jedenfalls gehörte es zu Preußen, und gemeinsam mit rund 95% der damaligen Bewohner sprach auch meine Uroma Deutsch als Muttersprache. Wie etwa ein Drittel der Breslauer zu dieser Zeit war ihre Familie und damit auch ihre Erziehung streng katholisch.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühte Breslau auf: es war die 6. größte Stadt Preußens, verfügte über eine eigene Universität und profitierte von dem damals relativ neuen, ausgedehnten Eisenbahnnetz in Schlesien. Meine Uroma erlernte den Beruf der Hutmacherin, was damals kein wirklich exotischer Beruf war. Wer etwas auf sich hielt, der trug einen pompösen Hut, und diese herzustellen war eine Kunst für sich.
Das Rathaus von Breslau um 1900, Bild aus Wikipedia
Als meine Uroma 17 Jahre alt war, brach der erste Weltkrieg aus. Ich weiß nicht, wer aus ihrer Familie eingezogen wurde. Viele Kriegsdenkmäler und -grabstätten deuten jedenfalls darauf hin, dass auch in Breslau die Verluste hoch waren. Nach dem Krieg wurde es jedoch noch lange nicht friedlich - es sollte ein neuer polnischer Staat entstehen, zu dem man auch den Großteil Schlesiens beanspruchte. Wieder näherten sich Truppen der schlesischen Grenze.

Inmitten dieses Chaos lernte meine Uroma um 1918 schließlich jemanden kennen: den Berliner Oswald, der nach Ende des Krieges nach Breslau geschickt wurde, um bei der Reparatur der Eisenbahnnetze mitzuwirken. Katholische Erziehung hin oder her, wie es aussieht hat diese bei meiner Uroma nicht gefruchtet. Es kam, was kommen musste, und sie wurde schwanger. Zu der damaligen Zeit und mit den katholisch-konservativen Werten des Elternhauses und der Nachbarn war das natürlich ein Skandal! Und bevor irgendwelche Gegenmaßnahmen oder eine Blitzhochzeit auch nur in Erwägung gezogen wurden, warf man meine Uroma aus dem Haus, mit nichts weiter als einem kleinen Bündel.

Zum Glück hatte sie aber Oswald, der weiter zu ihr stand, sie mit nach Berlin nahm und dort heiratete. Dadurch entkam sie zwar den Aufständen aufgrund des bis 1922 andauernden Streits um Schlesien, doch in Berlin war von den goldenen 20er Jahren noch lange nichts zu spüren. Auch hier gab es beim Übergang des Kaiserreichs zur Weimarer Republik zahlreiche blutige Aufstände und Putsche. Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger und ein latenter Mangel an Medikamenten und Heizmaterial war die Regel. In einem bitterkalten Winter brachte meine Uroma ihr erstes Kind zur Welt. Es war ein kleines Mädchen, das schon bald an Unterernährung und Unterkühlung starb. Später sagte man ihr, es wäre das beste so gewesen, denn das Kind war vermutlich von Anfang an blind.

1922 und 1924 schließlich bekam sie zwei weitere Kinder - meinen Großonkel Günther und meine Oma Ruth. Dann begannen die goldenen 20er Jahre. Die Wirtschaft boomte und Berlin, die Perle der Weimarer Republik, wurde zu einer Metropole mit über 4 Millionen Einwohnern. Neue Musikstile entwickelten sich, Künstler zogen hinzu. Galerien, Tanzlokale und Theater schossen aus dem Boden, der Rundfunk und der Film wurden populär. Sicher trugen zu dieser Zeit auch viele Leute wieder Hüte, so dass meine Uroma genügend Arbeit hatte. Nach den Erzählungen meiner Oma war es eine relativ unbeschwerte Zeit, bis mein Uropa Oswald schwer erkrankte und nicht mehr arbeiten konnte. Meine Uroma musste also vier Personen ernähren und nebenbei ihren Mann pflegen. Dann brach schließlich noch der Zweite Weltkrieg aus.

Geschichten meiner Familie aus diesem Krieg kenne ich kaum. Meine Uroma scheint meiner Mama nur wenig erzählt zu haben, da sie und ich beide vor einigen Jahren begannen, meine Oma darüber auszufragen. Die Oma hat allerdings vieles verdrängt oder in ihrer Erinnerung verdreht. Mir hat sie einmal ein Foto von herabfallenden Bomben gezeigt und mir erzählt, dass die Familie nicht bei jedem Luftangriff in einen Bunker geflüchtet sei. Manchmal haben sie auch einfach zuhause gesessen, das Licht ausgeschaltet und gewartet. Mein Großonkel Günther wurde eingezogen.
Gegen Ende des Krieges fiel die Rote Armee in Berlin ein, es gab heftige Straßenkämpfe. In vielen alten Berliner Gebäuden kann man noch heute Einschlag- und Einschlusslöcher in den Fassaden erkennen. Selbst nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands war die Zivilbevölkerung noch viele Monate von der Roten Armee bedroht. Um das Risiko einer Vergewaltigung zu verringern, verkleideten sich meine Uroma und meine Oma als alte Frauen, liefen gekrümmt und schmierten sich Dreck in die Gesichter. Ob es geholfen hat, weiß ich nicht. Wir haben nie nachgefragt.

Nach dem Krieg wurden meine Oma und Uroma, wie alle Frauen zwischen 15 und 50, als Trümmerfrauen einberufen. Meine Uroma war damals schon 48 oder 49, hat zwei Weltkriege miterlebt, drei Kinder bekommen und viele Jahre im Mangel gelebt. Dennoch hat sie wie so viele andere Frauen in Schwerstarbeit Gebäudetrümmer zusammengesammelt, wiederverwendbare Teile aus dem Schutt gepickt und Berlins Straßen von den Überresten der Bombenangriffe und Straßenschlachten befreit. In und um Berlin entstanden durch den abtransportierten Schutt etliche große Trümmerberge, die später mit Erde überschüttet wurden und heute Teile von Parks sind.
Trümmerfrauen in Berlin, Bild aus Wikipedia
An irgendeinem Tag erfuhren meine Uroma und meine Oma, dass Günther gefallen sei. Wo und wie konnte nicht wirklich herausgefunden werden. Natürlich wurde gehofft, dass er nur verschollen sei und irgendwann, vielleicht Jahre nach Kriegsende wieder auftauchen würde. Aber man hörte nie wieder von ihm.

Ebenfalls verschollen war der Verlobte meiner Oma. Jahre später kam er dann doch noch zu Fuß aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin zurück - um meine Oma verheiratet mit jemand anderem vorzufinden. Aber das ist eine andere Geschichte. 1950 jedenfalls bekam meine Uroma Vally durch meine Oma ihre erste und einzige Enkelin, meine Mama. Ihr erkrankter Mann war inzwischen gestorben, ihr Sohn für immer verschwunden und ihre Tochter verheiratet, außer Haus und selbst berufstätig. So konnte meine Uroma sich etwas erholen. Auch wenn das Geld nun nicht viel war, so reichte es doch gerade um sich zu ernähren.

Den Großteil ihrer Kindheit und Jugend lebte meine Mama bei meiner Uroma. Darum kannte sie sie sehr gut und konnte mir viel über ihren Charakter erzählen. Ich denke, dass meine Uroma eine sehr starke und unabhängige Frau war, konnte man an ihrer Geschichte bis hierher ja sehen. Ein anderer Charakterzug an ihr, den ich für ihre Generation und Herkunft besonders faszinierend finde, ist die sehr große Toleranz und Weltoffenheit (gepaart mit viel Pragmatismus und Bodenständigkeit). Sie ließ öfter mal einen Spruch ab, im tiefsten Berliner Dialekt. Einer der prominentesten davon war (bezogen auf eine Person höherer sozialer Schichten)  "Der muss sich jenauso den Hintan abwischn wie wir ooch!"
Meine Mama, die immer in der winzigen Wohnung der Uroma auf einer Bank in der Küche schlief, erzählte mir einmal, wie es war, als sie ihren ersten Freund hatte. Sie durfte ihn ganz selbstverständlich zu meiner Uroma mit nach Hause bringen, auch während sie auf Arbeit war (was zu dieser Zeit eigentlich noch ein absolutes Unding war!). Wenn meine Uroma schließlich abends heim kam, rief sie unten vor dem Haus hoch, dass sie zurück sei, damit meine Mama und ihr Freund noch ein paar Treppenabsätze Zeit hatten, eine möglicherweise peinliche Situation zu vermeiden. Von meiner Oma (wohlgemerkt 26 Jahre jünger und von dieser extrem toleranten Frau erzogen) wäre so ein Verhalten undenkbar gewesen. Meine Uroma kommentierte nur "Man kann et sich eben nich ausse Rippen schwitzen."
Neben unzähligen Rezepten hat meine Uroma auch viel von ihren Ansichten und ihrer Toleranz an meine Mama weitergegeben.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte meine Uroma in einem Altenpflegeheim in Berlin. Dort kam ab und an ein Priester vorbei, mit dem sie sich gern unterhielt und von dem sie vielleicht auch die ein oder andere Oblate futterte. Auf Nachfrage meiner Mama, ob sie doch zum katholischen Glauben zurückgefunden habe, antwortete sie aber nur "Ach nee, aber is so nett mit dem zu quatschen!"
Ich habe sie auch noch ein wenig kennengelernt. Leider war ich damals ja noch sehr jung, deswegen hatte ich sie nur als schrecklich faltigen, alten Menschen gesehen, der wohl irgendwie mit mir verwandt war und der meiner Mama sehr wichtig ist. Ich glaube, wenn sie das gewusst hätte, hätte sie es lustig gefunden.

Meine Uroma starb schließlich an ihrem 95. Geburtstag. Und das war alles, was sie sich zu diesem Tag gewünscht hatte.
Das ist meine Uroma Vally


Das war soweit alles, woran ich mich erinnere. Leider konnte ich noch nicht mit vielen schönen Bildern aufwarten, da die bei meinen Eltern in einem Schuhkarton schlummern - Weihnachten, wenn ich wieder dort bin, werde ich aber einige einscannen und dann hier noch nachtragen. Meine Mama sagte, es gäbe noch eines von meiner Uroma und meinem Uropa gemeinsam.

Freitag, 1. November 2013

Blogprojekt: unsere Ahnen

Aloha,

Ich habe Lust, ein kleines Blogprojekt zu starten und hoffe, dass einige von euch mitmachen.

Halloween ist gerade vorbei, aber in diesen Tagen liegen noch einige weitere Feste. Während sich das Halloweenfest eigentlich nur um gruselige Verkleidungen und Kürbislaternen geht, sind die anderen Feste im Prinzip Gedenktage für die Ahnen.

Samhain:
Samhain ist ein keltisches Fest, das - nach der alten Berechnung durch die Mondphase - dieses Jahr auf den 3. November fällt. Die Kelten feierten an diesem Tag den Beginn eines neuen Jahres und des Winterhalbjahres. Von der Symbolik her opfert sich ihr Korngott und stirbt, damit der Kreis des Lebens weitergehen kann. Vermutlich glaubte man damals auch, dass in dieser Nacht die Seelen der Verstorbenen zurück auf die Erde kehren, eventuell kam dieser Aspekt aber auch erst hinzu, als Samhain langsam von Allerseelen überschattet wurde.

Allerseelen und Totensonntag:
Allerseelen findet nach dem katholischen Glauben am 2. November (nach Allerheiligen) statt. Es entwickelte sich durch den Einfluss der Kriche aus dem Samhainfest und schließlich wurde daraus Halloween. Man glaubt, dass an diesem Tag die Seelen der Verstorbenen kurz aus dem Fegefeuer entlassen werden und auf die Erde zurückkommen. Daher stellt man ihnen z.B. Speiseopfer hin und segnet Gräber. In der evangelischen Kirche gibt es statt Allerseelen den Totensonntag, dies ist der Sonntag vor dem ersten Adventssonntag.

Dia de los muertos:
Im Glauben der Ureinwohner Mexikos kamen ebenfalls gegen Ende der Erntezeit die Toten zurück auf die Erde und feiern mit den noch Lebenden ein Wiedersehensfest. Bei der Eroberung durch Spanien vermischte sich dieser Brauch mit Allerseelen, es entstand der "Tag der Toten", der vom 31. Oktober bis zum 2. November gefeiert wird. Im Gegensatz zu den christlichen Gedenktagen ist dieses Fest allerdings sehr farbenfroh, laut und lustig. Es gibt Skelette als Süßigkeiten, Verkleidungen und und Dekorationen, die Wohnungen und die Friedhöfe werden geschmückt. Als Wegweiser für die Toten legt man gelbe und orange Blüten vom Grab bis zur Haustür aus. Zur Verabschiedung der Toten bis zum nächsten Jahr wird schließlich auf den Friedhöfen gegessen, getrunken und getanzt.

Was ich nun vor habe:
Egal ob ihr eines, mehrere oder gar keines der beschriebenen Feste feiert: "gedenkt eurer Ahnen" und erzählt auf eurem Blog die Geschichte eines Familienmitglieds oder eines nahen Bekannten, der/die euch interessant vorkommt!

Vielleicht hat jemand Ahnen, die aus einem anderen Land eingewandert kamen, oder einen außergewöhnlichen Beruf hatten? Die ihre Erlebnisse aus dem Krieg weitererzählt haben oder sich vielleicht auch für irgendwas spezielles eingesetzt und dafür gekämpft haben? Wie beeinflusst ihre Geschichte vielleicht noch euer Leben oder eure Ansichten?

Lasst uns ein paar Geschichten aufschreiben, bevor sie vergessen werden!

Wer bislang mitgemacht hat:
Aine mit der Geschichte ihrer Oma und Großonkels, der Zauberer und Artist war
Ich mit dem Leben meiner Uroma
Kerry mit der Geschichte ihrer Oma
Frederike plant mitzumachen, eventuell ebenfalls mit der Oma