Samstag, 26. September 2015

Endometriose oder: warum ich bei gewissen "Mondblutblogs" die Krise kriege

Moin moin,

heute geht's mal um ein nicht so hübsches Thema, das mir aber leider grade in der spirituellen Szene immer wieder sehr aufstößt: die leidige Menstruation bzw. damit zusammenhängende Umstände (sorry an alle männlichen Leser).

Grade in der -ich nenns jetzt mal so- esoterischen Ecke findet man sehr oft Damen, die ihre Menstruation ausgiebig feiern, mit ihrem "Mondblut" Bilder malen oder ähnliches. Schön, kann ja jede machen wie sie mag. Wenn jemand ein nicht eingenistetes Ei und den damit einhergehenden Ausstoß von Gebährmutterschleimhaut als Sinnbild für Fruchtbarkeit ansieht und dies feiert, freu ich mich für sie.

Was mich tierisch nervt, ist aber folgendes:
Manche Menschen denken, dass sich jede Frau derartig über ihr Zyklusende freuen muss. Und wenn sie dies nicht tut, so hat sie zwangsläufig ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Weiblichkeit, was sich wiederum durch Regelschmerzen äußern kann. Kurzum: wenn du Schmerzen hast, bist du selber Schuld, weil du deine Weiblichkeit nicht akzeptierst/nicht mit der Göttin in dir vereint bist etc. blablubb.

Ich erzähl euch mal was: Es gibt da eine Krankheit, die nennt sich Endometriose. Sagt euch nix? Dann hier ein paar Informationen dazu:
  • Bis zu 12% aller Frauen erkranken irgendwann im Laufe ihres Lebens an Endometriose - bei den meisten wird dies nicht erkannt. Wenn doch, so vergehen im Schnitt rund 10 Jahre zwischen dem Auftreten der Symptome und der Diagnose.
  • Bei Endometriose handelt es sich um einen Tumor, genauer gesagt um "wild wachsendes" Gewebe, das an verschiedenen Stellen des Körpers auftreten kann - meist im oder um den Uterus, aber auch woanders. Der Körper versucht, es abzustoßen, und so entstehen Entzündungen.
  • Die Symptome sind unter anderem Unfruchtbarkeit, Verwachsungen, Organprobleme, vor allem aber Schmerzen. Rund 95% der Endometriosepatientinnen haben sehr starke Schmerzen, und es wird davon ausgegangen, dass umgekehrt 40 - 60% der Frauen mit starken Regelschmerzen an Endometriose erkrankt sind. Diese Schmerzen werden von den Betroffenen auf der Schmerzskala von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (man wird gnädigerweise ohnmächtig) meist zwischen 7 und 9 eingestuft (zum Vergleich: eine Geburt rangiert etwa bei 8). Einige Frauen haben diese Schmerzen nur während der Menstruation, andere hingegen schon, sobald sie sich körperlich anstrengen oder etwas Falsches essen.
  • Endometriose ist chronisch und nicht heilbar. Bei einigen Frauen kann Hormoneinnahme, z.B. durch bestimmte hormonelle Verhütungsmittel, die Endometriose "aussetzen", bei anderen funktioniert das nicht. Man kann Tumorherde herausoperieren, dies birgt aber die Gefahr, dass dieses Gewebe noch an andere Körperstellen "verschleppt" wird. In fast allen Fällen kehrt die Endometriose sowohl nach Absetzen der Hormone als auch nach einer OP nach einiger Zeit wieder zurück.
 
Ich habe Endometriose. Glücklicherweise habe ich die Schmerzen im Regelfall nur während der Menstruation, und inzwischen auch ein starkes Schmerzmittel, was das ganze erträglich macht, wenn ich es rechtzeitig schlucke (allerdings oberhalb der empfohlenen Dosis, obwohl ich wenig wiege - geht dann halt alles auf die Leber/Nieren). Wenn ich die Tabletten nicht rechtzeitig schlucke oder mich dabei zu viel bewege, stürzt der Schmerz schlagartig auf mich ein als würde mein Bauch explodieren, immer und immer wieder. Ich breche zusammen, übergebe mich, zittere, schwitze, friere, habe Durchfall. Nehme nur verschwommen wahr was um mich passiert und kann mich nur noch mit unartikulierten Lauten äußern, wenn überhaupt. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es mit letzter Kraft und unendlich viel Mühe, irgendetwas über mich zu ziehen, damit es nicht ganz so kalt ist, oder ein paar Zentimeter von meinem letzten Erbrochenen wegzukriechen. In der schlimmsten Phase sehe ich nichts mehr außer roten und gelben Farbflecken (keine Ahnung ob ich die Augen dabei auf oder zu habe). Manchmal habe ich mir sogar gedacht es wäre mir egal wenn ich jetzt sterbe, es soll nur einfach aufhören, meistens kann ich aber keinen zusammenhängenden Gedanken mehr fassen. Manchmal hämmert dann ein einzelnes, idiotisches und vollkommen zusammenhangloses Wort in meinem Schädel herum, immer wieder. Irgendwann kommt der Punkt, wo ich nicht mehr in meinem Körper zu stecken scheine - ich registriere den Schmerz, aber ich denke mir nichts mehr dabei, ich ertrage nicht mehr, sondern beobachte nur noch, teilnahmslos. Dann irgendwann schlafe ich ein, und alles wird endlich friedlich.

Später beim Aufwachen ist der Schmerz vorbei und ich bin unglaublich hungrig, habe aber überhaupt kein Zeitgefühl, wie lange das gedauert haben mag. Meine Mutter war einmal dabei, als mir sowas passiert ist, sie meinte es habe etwas über eine Stunde gedauert bis ich wohl eingeschlafen bin.

Also, liebe Mondblutfans: Bitte haltet euch mit Äußerungen wie "wenn du Schmerzen hast, dann hast du die Bindung zur Göttin in dir verloren" und ähnlichem zurück - wie oben schon geschrieben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Betroffene an Endometriose leidet, ziemlich hoch (und auch wenn es nicht die Endometriose ist, so gibt es noch mannigfaltige weitere mögliche körperliche Gründe). Je mehr soetwas auf die psychosomatische (oder eosterische) Schiene geschoben wird, desto größer wird die Problematik, dass Endometriose (oder eine Zyste, oder woran immer es liegt) nicht oder erst extrem spät erkannt wird und eine wirksame Schmerztherapie unnötig spät kommt. Zudem redet ihr der Betroffenen noch ein, sie sei an ihrer Krankheit selbst schuld, was schlicht nicht stimmt.

Aber ich hatte auch mal schlimme Schmerzen, und seit ich (...hier beliebiges einsetzen...) sind die weg!
Das ist schön für dich, heißt aber nicht zwangsläufig, dass das tatsächlich am (...hier beliebiges einsetzen...) lag oder gar bei anderen Menschen ebenso funktioniert. Im Laufe des Lebens ändern sich der Körper, das Schmerzempfinden und auch mögliche Ursachen von Schmerzen. Vielleicht war das bei dir eine Zyste, die irgendwann geplatzt ist, oder irgendwas anderes, das sich wieder zurückgebildet hat. Auch Endometriose-Herde können inaktiv werden - bei einigen "wandert" der Schmerz daher im Laufe der Zeit, wenn woanders neue Herde entstehen. Manchmal ist eine Weile gar kein aktiver Herd da, wenn man großes Glück hat, dann vielleicht sogar bis zu den Wechseljahren (die Hoffnung stirbt zuletzt).

Darf ich jetzt nie wieder über meine Mondblutbilder bloggen oder Atemübungen gegen Menstruationsschmerzen vorstellen?
Doch, natürlich. Solange keiner Frau der Eindruck vermittelt wird dass es psychische/spirituelle Gründe habe, wenn die Atemübung nicht funktioniert oder sie ihre Menstruation nicht fröhlich feiern möchte.


Anbei noch ein Link zu einem sehr guten Blog einer Endometriosepatientinendobay.de
Drüber schreiben/lesen mindert die Schmerzen oder sonstige Symptome nicht, aber es unterstützt psychisch, wenn man weiß, dass man nicht allein ist. Dass man nichts dafür kann. Dass man eine Kriegerin ist, dies jeden Monat (oder öfter!) auszuhalten.

PS: Ich brauche keine gut gemeinten Ratschläge, wie ich meine Schmerzen mit Edelsteinen, Tee, Atemübungen, Ritualen oder sonstwas lindern kann. Glaubt's mir, ich kann mit "normalem Schmerz" sehr gut umgehen und ich hab bezüglich der Endometrioseschmerzen so gut wie alles ausprobiert - man hat das ja nicht erst seit gestern. Ich bin unendlich dankbar dass es wenigstens ein Schmerzmittel gibt, welches bei mir wirkt, und ich dieses irgendwann gefunden habe (ansonsten verweigere ich Medikamenteneinnahme nämlich solange es geht).

Kommentare:

  1. Liebe Feri, ich muss Dir sagen das ich Deinen Beitrag sehr interessant finde. Bis vorhin - wo ich den gelesen habe - wusste ich nicht einmal das es diese Erkrankung gibt. Und ich bin - gelinde gesagt - geschockt dass man diese Erkrankung (sorry - ich kann das Wort nichtmal aussprechen geschweige den schreiben) haben kann und es wird nicht festgestellt.

    Ich finde es klug und mutig von Dir dieses Thema einmal offen zur Sprache zu bringen. Klar, es wird immer Frauen geben die alles besser wissen und für die es keine Erkrankung ist sondern bla bla bla ...... kennen wir ja *ggg* Wie auch immer - jede sollte die für sich richtige Möglichkeit finden mit der "Problematik" wie groß sie auch sein mag - umzugehen. Und ich freue mich das Du Deinen Weg hierzu gefunden hast.

    Danke das Du uns davon berichtet hast. Und danke das Du eine Kriegerin für die Aufklärung in dieser Angelegenheit bist.

    *umknuddel-drück*

    Sasse

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    1. Hallo Sasse,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar :) Ich war auch ziemlich geschockt, wie wenig bekannt die Endometriose ist - vor allem sogar unter den Gynäkologen, und das obwohl es die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung ist! Vielleicht eben weil die Symptome als normal/psychisch angenommen oder verdeckt werden von hormonellen Verhütungsmitteln (bis dann Kinderwunsch besteht und es nicht klappt...).
      Die Zusammenhänge sind auch noch nicht so ganz erforscht... es gibt da nur wenige Experten und das meiste liest man sich dann als Betroffene selbst an. Aber langsam tut sich was. Grade letzte Woche gab es sogar einen Endometriose-Kongress in Köln, und Betroffene bloggen oder starten Aufklärungskampagnen - kann man also hoffen. Ansonsten kommen ja auch irgendwann die Wechseljahre ;)

      Liebe Grüße,
      Feri

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  2. Scharfgarbentee lindert die Schmerzen auf natürliche (nicht-nierenbelastende) Weise. Aber ob und wie es bei starker Endometriose hilft, weiß ich nicht; bei normaler lindert es ganz gut. AG

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