Freitag, 8. Januar 2016

Ahnenprojekt: meine Mama

Ihr Lieben,
im Jahr 2013 hatte ich ja ein Ahnenblogprojekt vorgeschlagen und die Lebensgeschichte meiner Uroma erzählt.

Heute möchte ich nun die Geschichte von meiner Mama erzählen. Sie ist ziemlich traurig.
Ich habe ehrlich gesagt keine große Lust, die Geschichte meiner Oma auch extra aufzuschreiben. Aber ihr werdet sie auch über die Geschichte meiner Mama genug kennenlernen... Und ich weiß, dass es langweilig ist einen Text ohne Bilder zu lesen, aber momentan möchte ich keine Fotos bloggen. Vielleicht später mal. Es ist lang, aber es ist auch sehr persönlich. Von daher: wer es nicht lesen mag, der hat es auch nicht verdient.


Meine Mama wurde 1950 in Berlin geboren. Wir verstanden beide nicht wirklich, warum. Meine Oma wollte ganz offensichtlich niemals "Gören", und hatte auch mehrere Abtreibungen, die damals nicht nur illegal, sondern auch höchst gefährlich waren. Aber meine Mama hat sie irgendwie doch behalten. Vielleicht für den gesellschaftlichen Status, oder weil Mamas Vater einfach ein Kind wollte. Er wurde einige Jahre nach der Geburt meiner Mama Alkoholiker. Regelmäßig schlug er die Oma, die rannte mit meiner Mama zusammen dann nachts über die Straße zur Uroma. Der Uropa wollte dann mit einer Axt hinüberlaufen und den Vater umbringen, so dass Uroma, Oma und meine Mama ihn schreiend daran hindern mussten. Einmal hat aber auch meine Mama, damals erst 7 oder 8, ihrem Vater gedroht dass sie ihn irgendwann umbringen würde. Schließlich aber ließ sich die Oma scheiden.

Das war lange Zeit das einzige, was ich über Mamas Kindheit wusste. Die andere Seite deckte sie erst viel später auf. Die Oma war eine Diva, das wichtigste in ihrem Leben war gut aussehen, Tanzen gehen, von Männern bewundert werden. Ihr Mann war Verkäufer und verdiente nicht genug, um ihre ständigen Wünsche zu erfüllen. Meine Mama meint, es habe Anzeichen gegeben, dass die Oma fremd ging. Die Uroma bezeichnete sie sogar als "mannstoll", nach dem Tod der Oma haben wir eine Kiste voller Fotos von verschiedenen Besatzern gefunden, die alle als "große Liebe" tituliert wurden. Die Uroma und die Oma waren sich spinnefeind. Das lag nicht nur an den Männergeschichten und der Oberflächlichkeit der Oma, sondern vor allem daran, wie sie ihr Kind behandelte. Meine Mama wurde von ihr oft geschlagen und bedroht. Wenn sie morgens in den Kindergarten gebracht wurde hat die Oma ihr zugezischt "und wenn du nicht artig bist dann wirst du hier nicht mehr abgeholt". Vor Angst hat sie sich dann oft in die Hose gemacht und den ganzen Tag am Fenster gestanden und gezittert, bis die Uroma sie abgeholt hatte. Als letzte im ganzen Kindergarten, denn die Uroma musste häufig Überstunden machen und der Fußweg war weit.
Freunde hatte meine Mama kaum, da die meisten Eltern ihren Kindern den Kontakt verboten hatten wegen dem Alkoholiker als Vater. Es gibt einige Fotos von ihr als Kind. Erstaunlicherweise lächelt oder lacht sie auf fast jedem davon, sogar wenn ihre Eltern im Hintergrund ausgesprochen angefressen gucken, weil sie sich Minuten vorher noch heftig gestritten hatten.

Als schließlich der Uropa starb, nahm die Uroma meine Mama zu sich in ihre winzige Wohnung. Es gab nur ein Schlafzimmer und eine Küche, die Mama schlief auf einer Sitzbank in der Küche. Die beiden hielten eisern zueinander. Sie schaffte einen Realschulabschluss und startete eine Ausbildung. Vermutlich wäre mehr drin gewesen, aber sie hatte starke Konzentrationsprobleme in der Schule. Niemand kümmerte sich ernsthaft um ihren Erfolg, vorrangig war außerdem, dass sie möglichst früh Geld verdient, da die Uroma wenig hatte und der Oma Dinge wie Pelzmäntel und Handtaschen wichtiger waren.

Mit einem Job, einer eigenen schönen Wohnung und einem Auto hatte sie dann erstmals sowas wie Freiheit. Der Kontakt zur Oma wurde deutlich weniger. Jemand verlobte sich mit ihr. Mit Kolleginnen besuchte sie im Berlin der 70er Jahre Discos und Clubs der amerikanischen Besatzer. Spontan fuhren sie mit weiteren Freunden, darunter auch schon mein Papa, nachts nach Hamburg, um dort morgens den Fischmarkt zu besuchen, oder mit fast auseinanderfallenden Autos zu Urlauben in Jugoslawien. Mit einer der Kolleginnen entstand eine tatsächlich lebenslange, enge Freundschaft.

Mama glaubt an Schutzengel und daran, dass ihrer ihr schon einmal das Leben gerettet hat. Mit einem Freund aus Jugoslawien war sie in einem Käfer auf der Stadtautobahn unterwegs, als sie bei hoher Geschwindigkeit in einer Kurve die Kontrolle verlor. Der Käfer wurde über die Leitplanke geschleudert, rollte einen Hang hinauf, hielt kurz an und rollte dann wieder zurück, blieb schließlich auf dem Dach liegen. Als die Rettungskräfte kamen waren die sich sicher, dass sie niemanden lebend aus diesem Auto ziehen. Aber Mama und ihr Freund saßen weiter oben auf dem Hang, zogen sich im Schock die Glassplitter aus der Haut und betrauerten, dass das Auto schrott war. In dem nachfolgenden Kuddelmuddel von Ersthelfern und Rettungskräften stahl dann jemand noch ihr Portemonnaie aus der Handtasche.

Meine Mama ist aber ein Mensch, der, vermutlich aufgrund ihrer Kindheit, alles tut um von anderen geliebt zu werden. Sie opfert sich auf, immer in der Hoffnung auf nur ein kleines "Das war aber lieb von dir, dankeschön, ich hab dich lieb!". Und so wurde sie leider auch immer wieder ausgenutzt. Beispielsweise von einigen "besten Freundinnen", aber auch von ihrem Verlobten, der als Student lange auf ihre Kosten lebte. Sie wurde von ihm schwanger, aber da die Beziehung nicht gut lief und er das Kind nicht wollte, ließ sie es schweren Herzens abtreiben. Das war auch in den 70ern noch illegal, aber die Frauen wussten sich zu helfen. Unter der Hand wurden Kontakte zu Ärzten weitergegeben, die heimlich Schwangerschaftsabbrüche durchführten. Einen davon kannte sie über die Arbeit. Sie ging alleine hin, es wurde abends nach Feierabend in der Wohnung des Arztes gemacht. Es kostete sie fast ein ganzes Monatsgehalt. Falls etwas schief läuft und sie im Krankenhaus aufwacht, sollte sie sagen, dass sie ihn besucht und dann eine Fehlgeburt bekommen habe. Aber alles lief gut. Ihr Verlobter sagte nichts dazu, drückte ihr Tage später dann kommentarlos eine einzelne Rose in die Hand. Einige Zeit nachdem sich die beiden getrennt hatten fand sie heraus, dass er sie über Jahre mit einer anderen Frau betrogen hatte.

Mein Papa traf sie das erste Mal beim Einzug in das Studentenwohnheim auf dem Hausflur auf einem Sofa sitzend, rauchend und meckernd. Und dachte sich wohl gleich "die möcht ich haben". Leider war sie da noch die Verlobte seines Nachbarn. Weil sie bei dem im Zimmer aber nicht rauchen durfte, hockte sie dazu immer (vermutlich ebenfalls meckernd) auf dem Etagenklo. Als mein Papa sich eines Tages Wasser für eine Kanne Kaffee holen wollte und sie dort vorfand, bot er ihr gewitzt an, dass sie doch bei ihm rauchen könne, da gibts sogar noch Kaffee dazu. So saß sie dann meist nicht mehr bei ihrem Verlobten, sondern bei meinem Papa, und die beiden spielten Schach und tranken Kaffee. Einige Jahre später heirateten sie, und nochmal 4 Jahre später kam ich zur Welt. Meine Mama sagte, das waren die schönsten Jahre in ihrem Leben. Schon kurz darauf begannen die Depressionen und Angstzustände.

Bei meiner Mama hatten die Depressionen und Angstzustände eine biologische Ursache. Im Hirn konnten bestimmte Botenstoffe nicht mehr andocken. Es handelt sich um eine vererbbare Stoffwechselkrankheit, die irgendwann im Leben ausbrechen kann. Meine Oma hatte sie ebenfalls, aber erst viel später im Leben. Bei mir gab es bislang noch keine Anzeichen. Was genau das Ausbrechen getriggert hat, wusste die Mama nicht, aber es gab mehrere einzelne Situationen, die vermutlich alle ein Stück dazu beigetragen haben. Meine Uroma starb, als es ihr gerade am schlimmsten ging.

Zunächst versuchte meine Mama, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Depression war damals noch weitgehend unbekannt oder wurde nicht ernst genommen. Es dauerte lange, bis sie einen kompetenten Arzt fand. Viele Freunde wendeten sich von ihr ab, weil sie ihnen plötzlich zu kompliziert wurde. Seitdem nahm sie starke Psychopharmaka und ging zeitweise in Therapien. Dazu kam dann noch, dass wegen mir die Oma wieder sehr stark in ihr Leben getreten ist. Ich war das einzige Enkelkind und quasi heilig, obwohl die Oma ja mit "Gören" nie etwas anfangen konnte. Meiner Mama hatte sie früher noch gedroht, dass falls sie "mit einem Gör ankommen" würde, sie es ihr aus dem Leib prügeln würde. Aber ich wurde mit Geschenken überschüttet. Je mehr sie mich betüddelte und die liebe Omi war, desto mehr kränkte sie meine Mama, die immer nur dafür gut war, der Oma zu dienen. Sie hatte die Mama von Anfang bis Ende in einem psychischen Würgegriff.

In unserem Familienleben musste viel weggesteckt werden - zum einen ist die Mama bei der kleinsten Ursache unerwartet explodiert oder in Tränen ausgebrochen. Zum anderen musste wegen der Angstzustände alles ständig überwacht werden. Weil sie aufgrund der Krankheit nicht mehr arbeiten konnte, bezog sie ihren Selbstwert nur aus dem Haushalt, und entwickelte einen Putzzwang. Der gesamte Zeitablauf in der Familie war fast auf die Minute geregelt. Freunde von mir haben den Kopf geschüttelt und hielten mich für bescheuert, dass ich das mitmache. Aber zum einen kannten sie meine Mama nicht richtig (tat ich selbst ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig!), zum anderen war ich es schlicht nicht anders gewohnt. Wegen der Oma stritten sich meine Eltern oft.

Dass ich irgendwann eine eigene Wohnung hatte und zwei Jahre später dann auch noch in ein anderes Bundesland zog, muss unglaublich hart gewesen sein für meine Mama. Aber kurz nachdem ich auszog, besorgten sich meine Eltern einen Hund. Der schweißte sie wieder ein bisschen zusammen und machte beide sehr glücklich. Durch die Therapie hat meine Mama an vielen Stellen sehr an sich gearbeitet. Und sie hat mir von ihrer Geschichte erzählt, mir erstmals erklärt woher ihre Krankheit wohl stammt. Der Putzzwang ließ etwas nach, Änderungen im Tagesablauf waren nicht unbedingt willkommen, aber auch kein Grund mehr für Panik. Mein Papa hörte schließlich auch auf zu Arbeiten und freute sich auf "noch ein paar schöne Jahre zusammen". Wenn da nicht immer noch meine Oma gewesen wäre. Bis ganz zum Schluss, im Altenpflegeheim, ist meine Mama für diese Frau gerannt und hat gemacht und getan, teilweise obwohl es ihr selbst gerade psychisch oder auch physisch schlecht ging... Nachthemden gebügelt, Zeitschriften eingekauft usw. usf., während die Oma weiterhin genau wusste, was sie sagen muss, damit meine Mama anfängt zu weinen. Wenn es um Oma ging, erzählte die Mama mir oft, dass die Uroma früher immer zu ihr sagte "Du wirst sehen, die (Oma) überlebt uns alle.".

Als ich über Weihnachten da war, war meine Mama wegen der Oma nervlich am Ende. Die Oma stand kurz vorm Sterben, aber sogesehen tat sie das seit über 10 Jahren immer mal wieder. Wie schon ein paar mal sagte Mama mir, dass ihr Leben bis auf eine kurze Zeit in der Mitte von vorn bis hinten scheiße war. Dass sie nie darum gebeten hätte, geboren zu werden. Ich meinte zu ihr "Bestimmt wird bald alles besser." (genauer haben wir das nie gesagt, aber allen war klar, dass sich das darauf bezieht, dass die Oma wohl bald stirbt) "Schließlich ist Uroma auch 95 geworden, also wer weiß, 30 Jahre oder so hast du noch!" Ich hab mich geirrt. Es waren 12 Tage.

Meine Mama fiel vor einer Woche, am Neujahrsabend, urplötzlich um. Gehirnblutung. Vermutlich war sie sofort hirntot. Am Morgen darauf erreichte das Blut den Bereich im Gehirn, der für Herzschlag und Atmung zuständig ist. Was davon zuerst stoppte, weiß ich nicht. Wir haben oft über den Tod gesprochen. Sie wollte keine Maschinen, keine Wiederbelebungsversuche. Sie hatte immer fürchterliche Angst davor, alt, gebrechlich und ein Pflegefall zu werden. Sie hatte Panik, dass sie miterleben muss, wie ihr Hund oder mein Papa sterben.

Mama, ich hoffe dir geht es gut wo du jetzt bist. Und grüß die Uroma von mir. Irgendwann bin ich bei euch.



Übrigens hat man am Nachmittag meiner Oma ein starkes Beruhigungsmittel gegeben und ihr dann erklärt dass ihre Tochter gestorben ist. Sie ist darauf sofort eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Am Nachmittag des nächsten Tages hatte sie keine Vitalzeichen mehr. Sie hat tatsächlich alle überlebt. Und in mir sitzt ein dämlicher Gedanke, der nicht weggeht. Dass meine Mama sterben musste, nur damit die Oma endlich gehen kann, die sich seit Jahren ans Leben gekrallt hat, weil sie Angst vor dem Tod hatte.

Mama und Oma werden demnächst zusammen bestattet. Nichtmal da bleibt sie von der Oma verschont. Aber die Beisetzung wird auf einer grünen Wiese stattfinden, ohne Feier, wie meine Mama es sich gewünscht hat, mit ihrem Lieblingslied. Die Oma wollte ein Orgelkonzert. "Für wen?" hat mein Papa gefragt. Der Organist würde für sich selbst spielen.

Kommentare:

  1. Liebe Feri ...danke fürs Teilen. Eine traurige Lebensgeschichte. Das Leben geht manchmal seltsame Wege. Mein aufrichtiges Beileid. Ich wünsche Dir viel Kraft
    in der nächsten Zeit, vielleicht wirst du von anderen Verwandten noch andere Seiten der Geschichte hören. Zumindestens geht es mir immer so, wenn jemand stirbt, von
    dem ich glaube "zu wissen " .
    Ganz liebe Grüße
    die Sammlerin

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    1. Hallo Sammlerin, vielen Dank für deine lieben Worte. Weitere Seiten werde ich wohl leider nicht mehr hören, von unserer Familie sind nur noch mein Papa und ich übrig.

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