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Freitag, 2. September 2016

Rügen: Ein Heiligtum stürzt ins Meer...

Moin ihr Lieben,
aus dem (superschönen!) Schweden-Dänemark-Urlaub bin ich inzwischen zurück, und wie versprochen werde ich mich jetzt langsam ans Nachholen diverser Blogeinträge machen. Momentan ist es ja noch recht sommerlich, daher kommt nun ein heidnischer Reisebericht zu Rügen, denn die Strand-Bilder wirken jetzt noch nicht ganz so deplatziert.

Letzten Dezember hatte ich schon rumüberlegt, dass ich eigentlich gern mal nach Rügen würde. Glückspilz wie ich bin ergab sich schon im Frühjahr eine Dienstreise dorthin, bei der ich ein verlängertes Wochenende drangehängt habe. Rügen ist nicht nur einfach eine Ostseeinsel! Durch die weißen Kreidefelsen, die langsam ins Meer bröckeln, wirkt das Wasser türkis wie im Mittelmeer.
Die Kalkfelsenküste nördlich von Sassnitz.
Die spektakuläre Steilküste hat aber auch ihren Preis: jedes Jahr bricht mehr davon ab, die Insel wird dadurch immer kleiner... Der dichte Buchenwald an der Küste, durch den man heute noch wandern kann, wird irgendwann nicht mehr da sein. Man kann genau beobachten, welche Bäume als nächstes in die Tiefe fallen werden, manche von ihnen stehen schon fast waagerecht im Hang oder haben kaum mehr Boden unter den Wurzeln. Im Schnitt werden es jedes Jahr 30 cm weniger, das aber unregelmäßig. Teilweise brechen gleich mehrere Meter am Stück weg.
Diese Bäume steht nicht mehr lange...
In diesem Sinne war Rügen wohl gerade der ideale Ort für meine Stimmung - der Boden bricht weg und alles vergeht. Nun ja, trotzdem war es sehr schön und die Ruhe tat mir gut - und wenn ich Ruhe meine, dann aber wirklich. Ich war in der Vorsaison da und habe während meiner Ausflüge teilweise stundenlang keine einzige Person zu Gesicht bekommmen. Ein Traum!

Nach der Wanderung entlang der Küste wollte ich dann doch wieder etwas festeren Boden unter den Füßen haben und bin einige Kilometer ins Inselinnere gelaufen, um verschiedene Hügelgräber und Dolmen aufzusuchen. Mithilfe der tollen Homepage von Reinhard hab ich mir eine Karte mit Koordinaten zusammengestellt. Schon von weitem war klar, dass ich die eigentlich gar nicht brauchte: auf der Grasebene waren die Hügel schon von weitem zu erkennen, etwa alle 100 Meter war ein kleiner Hubbel mit einigen alten, knorrigen Bäumen darauf und in den meisten Fällen Überresten des Großsteingrabes darunter.
Hügelgräberhöhen! Hier der Blick von einem Hügel auf den nächsten.
Großsteingrab bei Loch 8...
...für ein besonders schönes Großsteingrab bin ich quer über einen Golfplatz marschiert, in dessen Mitte der verdächtige Hubbel mit knorrigen Bäumen aufragte...

Rügen besitzt unglaublich viele dieser Großsteingräber, die vermutlich von den Jägern und Sammlern stammen, welche die Insel nach der letzten Eiszeit besiedelten. Einige der Gräber sind leider ebenfalls schon mitsamt der Küste ins Meer gestürzt. Andere haben noch einige Jahrhunderte vor sich, bis der Küstenabbruch sie erreichen wird. Gerade im Abstürzen befindet sich aber ein ganz besonderes Stück der Insel: die Tempelburg bzw. Jaromarsburg am Kap Arkona.

Das Gelände der ehemaligen Tempelburg, vom Wall aus gesehen.
Die Tempelburg bestand vermutlich vom 9. bis 12. Jahrhundert n.u.Z. und bestand aus zwei Wällen, die man auch heute noch sehen kann, sowie einer zusätzlichen Befestigung aus Holz. Im Inneren befand sich ein Tempel, bei dem man davon ausgeht, dass er das zentrale Heiligtum des slawischen Hauptgottes Svantovit darstellte. Eine aus einem Eichenstamm geschnitzte Statue von ihm zeigte seine vier Gesichter, mit denen er in alle Himmelsrichtungen blickte.
 
Weil es ja anscheinend einfach nicht möglich ist, Leute mal in Ruhe und mit ihrem Glauben leben zu lassen, kam (kurzgefasst) im 12. Jahrhundert der dänische König Waldemar I mit seinem Heer angeschippert, verbrannte den Tempel, zerhackte die Statue des Gottes und brachte die Christianisierung.

Inzwischen wird außerhalb des Tempelgrundes wieder ein kleiner heiliger Ort mit einer Statue für Svantovit eingerichtet, am Eingang steht bereits eine zweigesichtige Version. So ganz tot bekommen hat man den Gott und das Heiligtum eben doch nicht, doch auch hier ist das Ende durch den simplen Lauf der Natur wieder abzusehen. Geschätzt sind bereits 2/3 der ehemaligen Tempelburg abgebrochen. Das verbliebene Drittel ist stark gefährdet und darum für Besuchende gesperrt. Es werden eilige archäologische Notgrabungen durchgeführt, bevor alles entgültig im Meer versinkt. Würdevoller und schöner kann das Ende eines heiligen Ortes doch gar nicht sein, oder?
 
Svantovit.
Hier seht ihr rechts die Abbruchkante der Tempelburg und den Rest eines Walls.
Auch das, was ich neben meinem "heidnischen Pflichtprogramm" noch angesehen habe, war irgendwie von Verfall und Vergehen geprägt, aber dennoch wunderschön: Die Ruinen des Schlosses Dwasieden. Das einst prachtvolle Schloss mit einem ausladenden Garten wurde 1877 erbaut. Nach dem Tod des Bauherrn wurde es verkauft und militärisch genutzt, 1948 dann unter sowjetischer Besatzung gesprengt. Es liegen jetzt Einzelteile im Wald herum, ein paar Säulen stehen noch auf Resten des Kellergewölbes. Man hört das Meer rauschen. Hier könnten Geister einen langsamen Walzer tanzen. Nicht mehr lange, und diese Ruinen liegen auch am Meeresgrund.
Die Überreste von Schloss Dwasieden am Meer.

Freitag, 27. November 2015

Deutschlands südlichste Menhiranlage - gleich bei mir um die Ecke!

Moin moin,
neulich stieß ich ganz zufällig darauf, dass gar nicht weit von unserem Feld eine Menhiranlage steht. Jawoll, eine echte (naja, gut, zwischenzeitlich von einem wütenden Bauern demolierte, nicht mehr ganz komplette, aber trotzdem) jungsteinzeitliche Menhiranlage direkt neben Darmstadt - die einzige dieser Art in Hessen und Süddeutschland (sonst gibts nur noch einzelne Steine)!
Heute wollte ich sowieso mal wieder aufs Feld, ein bisschen Salat und Petersilie besorgen und die letzten Pastinaken. Also bin ich ein Stück weiter geradelt und hab diese ominöse "Menhiranlage Hirtenwiese" gesucht. Das Wetter war ganz so, wie ich es liebe: kalt und neblig. Weil es nachts geschneit hatte, tropfte es um mich herum von den Bäumen.
 
Irgendwann trat ich aus dem Wald auf neblige Wiesen hinaus, und kurz darauf war die Menhiranlage auch schon ausgeschildert. Durch sie hindurch führt inzwischen ein Bach, in den doch tatsächlich gerade als ich vorbei kam ein Otter sprang und davonpaddelte (vermute ich zumindest, denn vom Biber angenagte Bäume konnte ich nirgends entdecken).
Der Weg zur Menhiranlage.
Bach und Brücke in der Anlage.
Ursprünglich floss der wohl etwas weiter entfernt, ebenso gab es früher auch den Wald noch nicht - erst in den 1920er Jahren wurde dieser angelegt, davor waren die Steine über eine weite Ebene gut sichtbar.
Es ist schon schade, was mit den Steinen passiert ist... Aufgestellt wurden sie irgendwann vor ca. 4.000 - 4.500 Jahren, vermutlich war es damals ein Steinkreis aus mindestens 14 Steinen. Von diesen sind heute gerade mal 7 übrig, die ein bisschen wie Kraut und Rüben stehen, jedenfalls nicht in einem Kreis.
Der größte Menhir.
Sechs der sieben (einer ist noch ganz links in Dunkelgrau),
der siebente befindet sich rechts auf der anderen Seite des Baches.
Wohin der Rest der Anlage verschwunden ist, weiß man nicht. Reinhard Möws schreibt auf seiner übrigens sehr empfehlenswerten Homepage über Großsteingräber und Megalithbauwerke, dass 1951 ein Bauer einen der Steine sprengte, der 34 m entfernt vom Bach auf der Wiese stand. Dass es sich dabei überhaupt um eine Menhiranlage handelt, wurde merkwürdigerweise erst 1967 festgestellt, also kann man es dem Bauern wohl nicht krumm nehmen. Auch nicht, dass man die meisten der verbliebenen Steine dann im Bach liegend vorfand...
In der Umgebung wurden bei Ausgrabungen übrigens Gegenstände aus Epochen von der Altsteinzeit (ca. 35.000 v.u.Z.) bis hin zur frühen Zeit der Kelten (vor 2.500 - 2.800 Jahren) gefunden.
Aussicht über die Wiese. Ein Kreis ist das wirklich nicht mehr, aber trotzdem hübsch.
Nunja, wir haben also eine Menhiranlage um die Ecke, die noch maximal die Hälfte ihrer Steine besitzt, von denen wohl keiner mehr weiß wo welcher mal stand, und durch die jetzt ein Bach fließt (in dem Otter leben, oder irgendwas anderes braunes, dickes das schwimmen kann). Ich will nicht meckern - besser ein halber Steinkreis, der eher wie ne Schlangenlinie aussieht, als gar keiner. Und die Umbegung ist dort im Naturschutzgebiet wirklich unerwartet schön gewesen!

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Oh du wunderschöne Loreley...

Moin moin,

eigentlich wollte ich schon vor geraumer Zeit über einen Wochenendausflug bloggen. Als ich von Mai bis Juli diesen Jahres wegen Dienstreisen relativ häufig die wunderschöne Bahnstrecke am Rhein entlang fuhr, bei der man auch die Loreley sieht, hab ich mich ein bisschen in dieses Stück Flusstal verliebt... Die steilen, grünen Hänge, die wilden Kurven des Flusses, die Burgen, die hier und da am Berg kleben... Als Freund, ich und drei Kumpels nach einem spontanen Ziel für einen Campingausflug suchten, quetschten wir uns kurzentschlossen zusammen mit unserem Equipment ins Auto und fuhren zur Loreley.

Schon der Name des rund 130 m hohen Loreleyfelsens in einer engen Flusskurve ist wunderbar mystisch: "Ley" ist noch relativ sicher auf das keltische Wort für Schieferfelsen zurückzuführen, zum Rest des Namens gibt es mehrere Theorien. Die Loreley ist demnach entweder ein summender Fels (rheinisches "luren" = summen), ein Elfenfels (mittelhochdeutsches "lur" = Elfe), ein lauernder Fels (mittelhochdeutsches "luren" = lauern) oder ein schreiender Fels (mittelhochdeutsches "lorren/lurren" = schreien). Wie die Geschichte des Loreleyfelsens zeigt, passen alle Namen irgendwie...
Der summende Fels
Im Rheintal am Loreleyfelsen gibt es ein sehr starkes, siebenfaches Echo. Daher wurde früher das Rauschen des Rheins an den Klippen am Ufer mehrfach zurückgeworfen und erzeugte ein beständiges Rauschen und Murmeln. Es schien, als würden diese Geräusche aus dem Felsen selbst kommen. Da man es nicht anders erklären konnte ging man davon aus, dass Zwerge in Höhlen im Felsen hausten und wild durcheinander redeten.
 
Inzwischen ist das Rheinufer für die Schiffbarkeit verändert worden, so dass dieser Effekt kaum noch zu bemerken ist.

Blick von der Loreley ins Rheintal.

Statue der Loreley auf dem Felsen.
Der Elfenfels - Die Sagengestalt Loreley
Loreley ist auch der Name einer Zauberin, Nixe, Sirene oder Elfe, deren Geschichte viele verschiedene Versionen hat. "Erfunden" wurde sie vom Dichter Clemens Brentano 1801/02. In seiner Ballade ist Lore Ley eine schöne Frau, in die sich jeder Mann sofort verliebt und daraufhin blindlings in sein Verderben rennt - nur den einen Mann den sie selbst gern hätte bekommt sie nicht. Des Lebens müde möchte sie ins Kloster gehen, allerdings auf dem Weg dorthin noch einmal vom Loreleyfelsen aus das Schloss ihres Geliebten sehen. Da glaubt sie, diesen auf einem Boot auf dem Rhein zu sehen. Dabei beugt sie sich zu weit nach vorn und stürzt schließlich den Felsen hinunter.

In den folgenden Jahren wurde die Figur der Loreley von vielen Künstlern der Romantik aufgegriffen.
Sie wandelte sich schließlich zu einer Nixe bzw. Sirene, die durch ihren Gesang und ihre Schönheit die Seefahrer ablenkt, deren Schiffe dann vom Rhein verschlungen werden, und wurde zu einer der populärsten örtlichen Sagengestalten in Deutschland. Ihre Form als Sirene führt uns zum nächsten möglichen Namensursprung des Loreleyfelsens...

Der lauernde Fels
Der Rhein war schon zu Zeiten der alten Römer ein wichtiger und vielbefahrener Handelsweg - und die Gegend um die Loreley wird tatsächlich als gefährlichster Abschnitt davon angesehen. Ein ganz wundervoller Wasserbauprofessor hat damals in meinem Studium eine komplette Vorlesung dem Phänomen der Loreley gewidmet, um uns die Geschichte und den vermutlichen Hintergrund der Sirenen-Sage näherzubringen. Um es grob zusammenzufassen: der Rhein verengt sich an dieser Stelle sehr stark, wodurch er schneller wird. Außerdem gibt es durch die vielen Kurven, Kluften, Felsrippen und Sandbänke unvorhersehbare Strömungen und Strudel.

Es ertranken bei der Loreley so viele Seefahrer, dass sich im 6. Jahrhundert der Priester St. Goar auf der anderen Rheinseite niederließ, um Schiffbrüchige aus dem Wasser zu ziehen und zu pflegen. Die Stadt, die dort entstand, heißt heute Sankt Goar, und bis vor knapp 100 Jahren wurden vor dem Passieren der Loreley die Schiffsbesatzungen mit drei Glockenschlägen zu einem Gebet aufgefordert.

In den 1930er Jahren wurden schließlich die meisten Felsenrippen gesprengt, so dass die Loreleypassage bei weitem nicht mehr so gefährlich ist wie früher. Außerdem ist eine Fahrrinne vorgegeben. Dennoch passieren immer wieder Unfälle, vor allem bei ungewohnten Wasserständen. Erst im Januar 2011 kenterte ein Tankschiff, zwei Besatzungsmitglieder ertranken im eiskalten Wasser...
...und in unserem Fall: der schreiende Fels
Angetan von der mystischen und traurigen Geschichte wanderten wir in einer unglaublichen Hitze von der Loreley herunter, um die Burg Katz herum und mit einem etwas unfreiwilligen Umweg wieder zurück. Ob dies die Burg des Geliebten war, auf die Lore Ley in der Ballade noch einmal blicken wollte, bevor sie den Fels hinunterstürzte?

Abends bauten wir unsere Zelte auf dem Zeltplatz direkt auf dem Loreleyfelsen auf - und wurden mitten in der Nacht durch ein unglaublich heftiges Gewitter geweckt!

Die Burg Katz, flussabwärts der Loreley.
Thor zeigte so richtig, was er konnte, und durch das siebenfache Echo hallte jeder Donarsschlag mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke das Rheintal rauf und runter. Zumindest für zwei von uns war das nicht die erste derart intensive Begegnung mit Thors gewaltigen Kräften - im Odenwald semmelte der Gute ja schonmal für meinen Geschmack viel zu nah hinter uns einen Blitz in den Boden.

4 Ingenieure und ein Biologe waren sich jedenfalls schnell einig, dass man besser die Zelte sichern und sich in den nächsten Faradayschen Käfig, d.h. das Auto begeben sollte, zumal ein ziemlicher Sturm über den Felsen fegte, mit einem wunderbar heulenden Echo übrigens - der Fels schrie und brüllte! Irgendwie waren nicht alle so beglückt über dieses faszinierende Unwetter wie ich, aber ich hatte ja auch leicht reden, da Freund und ich auf den Vordersitzen dann gemütlich weiterschliefen, während die anderen wie die Hühner auf der Stange noch eine Stunde auf der Rückbank hockten bis das Unwetter vorbei war...

Zum Abschluss noch etwas unzusammenhängend ein lustiges Warnschild, das wir auf der Wanderung entdeckten:
Nur so zur Erheiterung ;)

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Externsteine: Ein modernes Heiligtum

Moin moin,

vor einigen Wochen war ich mit Freund und unserem Lieblingskumpel an den Externsteinen im Teutoburger Wald. In der spirituellen Szene sind "die Steine" ja recht beliebt und haben da auch eine gewisse Geschichte...

Externsteine, von "hinten" aus gesehen.
Ich war bereits 2003 zur Sommersonnenwende und 2005 am Wochenende vor der Wende schonmal da. Nun wurde es langsam wieder Zeit. Damals hatte ich mit einer Freundin ziemlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht: direkt zur Wende war das ganze eher wie ein Festival ohne Musik, will sagen dunkel gekleidete Betrunkene, Zelte, Müll. 2005 war es dann sehr leer, wir konnten viel mehr Atmosphäre genießen. Ein kleines Grüppchen bunt bemalter Leute trommelte und hüpfte mit uns um ihr Lagerfeuer, bis wir dann am Fuße eines Baumes auf der Wiese vor den Steinen einschliefen, mit Blick auf die Milchstraße und später den Sonnenaufgang (Zeltaufbau war damals inzwischen schon untersagt, da haben wir den Schlafsack eben einfach auf die Wiese gelegt).

Nach diesen 10 Jahren hab ich viel neues entdeckt, einiges anders gesehen. Jedenfalls haben wir diesmal viel auch um die Steine herum erkundet und uns vorher einige Infos aus dem Internet zusammengesammelt.
Geschichte vs. Urban Legends...
Dabei fiel uns auf, dass nur wenig wirklich belegte Information zu den Steinen, Höhlen, archäologischen Funden und Plätzen in der Umgebung besteht - der absolute Großteil sind subjektive Erkenntnisse einzelner Personen (die das leider nicht immer als solche deklarieren) oder "Urban Legends", also ungesicherte Infos, die sich so lange weiter verbreiten, dass niemand mehr eine Quelle dafür angeben kann (und/oder will). Und selbst in der wissenschafltichen Literatur sind viele Datierungen und Annahmen zur Funktion der gefundenen Objekte unsicher.

Höhlen in den Steinen.
Der "Wackelstein" - genauso wacklig
kam uns die Mythologie der Externsteine
irgendwann auch vor...
Dass die Externsteine tatsächlich ein "uraltes Heiligtum" waren, wird zwar oft behauptet, aber konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Es gibt archäologische Funde der Alt- und Mittelsteinzeit, die aber nicht auf eine Kultstätte schließen lassen. Dann gibt es über lange Zeit erstmal gar keine Anhaltspunkte, bis schließlich für das Mittelalter eine kultische (aber christliche) Nutzung recht sicher angenommen werden kann.
 
Dieser Wikipedia-Artikel ist recht empfehlenswert für einen ersten Überblick darüber was es alles gibt und was man dazu bislang tatsächlich herausgefunden hat.
 
Na toll, und jetzt?
Die Frustration bei meinen Begleitern war erstmal groß - man hatte doch irgendwie den bedeutendsten ur-heidnischen Megakultplatz der Germanen und ihrer Urahn*innen bis vor mindestens drei Eiszeiten erwartet! Inklusive Instant-Gottheitserlebnis und so. Und dann erfährt man, dass bis auf die christlichen Mönche alles nur auf gelinde gesagt ziemlich wagen Spekulationen beruht und die Höhlensysteme lange Zeit nur ganz profan als Gefängnis genutzt wurden...
Wird Zeit, die Erwartungen hinter sich zu lassen und zu schauen, was man machen kann aus dem, was da ist.
Schauen wir mal, was es noch so gibt...
Also ließen wir die Haupt-Steine und die wilden Spekulationen darüber hinter uns und schauten uns die Umgebung an. Und die verzauberte uns dann doch wieder. Zunächst mit wunderschöner Natur und interessant gewachsenen Bäumen...
Schöne Tiere...
...und merkwürdige Bäume.
Der "Augenbaum", inzwischen leider gefällt...
...trotzdem faszinierend.
...dann begegneten uns immer wieder "Hinweise auf kultische Handlungen" unserer Zeit. An vielen Bäumen hingen Bändchen. Spiralen und andere Zeichen wurden in Felsen geritzt. In einem zugewucherten Tal wurden Labyrinthe und Steinkreise errichtet...
Bunte Bänder hängen immer wieder mal an Bäumen und Gebüschen.
Ich mag Spiralen!
Ein spiraliges Labyrinth.
Einer von recht vielen Steinkreisen.
Ein OM in der Nähe vom Felsengrab.
Letztenendes zählt doch, was die Externsteine heute sind...
...und das ist ein buntes, wunderschönes, vielseitiges, verteiltes Kuddelmuddel von ganz kleinen bis etwas größeren Kultplätzen, die von vielen, ganz individuellen Menschen gefunden, gestaltet oder weiterentwickelt wurden. Die jede*r für sich anders interpretiert und nutzt, und die uns alle zusammenbringen.
 
Es war uns dann irgendwann doch ziemlich egal, was früher dort war oder nicht, ab wann man welche Gottheiten verehrt hat oder ob überhaupt. Man muss diesem Ort nicht extra eine möglichst epische Vergangenheit andichten. Man kann auch einfach bewusst akzeptieren, dass nur wenig rekonstruiert werden kann, und stattdessen diese moderne Entwicklung beobachten und sich darüber freuen - ich hab jedenfalls lieber einen zwei Jahre alten, aber benutzten Steinkreis mit Geschichen derer, die gerade darin getrommelt haben als falsche Informationen darüber, welche Riten angeblich schon vor 10.000 Jahren am Felsengrab vollzogen wurden...
So einen Steinkreis möcht ich mir auch mal bauen...

Montag, 25. August 2014

Das Thorsberger Moor in Süderbrarup

Aloha,

als ich neulich für den Blogeintrag zur Bonifatiusroute so in meinen alten Fotos herumkramte, fand ich auch welche wieder, die ich vor ziemlich genau 11 Jahren mal vom Thorsberger Moor bei Süderbrarup gemacht habe. Dieses Moor war eine sehr bedeutende germanische Kultstätte und existierte dafür erstaunlich unauffällig in der Landschaft herum (Nachtrag 2018: ein paar mehr Schilder wurden aufgestellt). Ich bin damals durch das "Kultplatzbuch" von Gisela Graichen drauf gekommen, und da wir ohnehin jedes Jahr in einem benachbarten Dorf Urlaub machten, lag es ja nahe, dass ich meine Eltern damals einfach mal so lange nervte, bis sie sich breitschlagen ließen . Analog übrigens beim Haithabu-Museum, darüber muss ich auch mal bloggen...

Das Thorsberger Moor, das heute eher ein See mit Insel ist.

Zur Geschichte des Moors:
In Thorsberg wurden schon um 150 v.u.Z. viele Gefäße aus Ton und Holz mit Nahrung, Fellen etc. darin geopfert, indem man sie ins Moor warf. Nun musste die opfernde Person bequemerweise nicht am Ufer im Schlamm stehen und den Pott so weit wie möglich werfen, sondern nutzte wohl einen damals existierenden Holzsteg, an dessen Ende noch ein kleiner Flechtschirm stand, der offenbar als Sichtschutz diente (mir drängt sich da grade die Vorstellung auf, dass dieser Steg mit Schirm vielleicht gar nichts mit dem Opfer zu tun hatte, sondern als Festival-Dixi bei den Opferfesten diente, aber die Archäolog*innen werden für ihre Theorie schon irgendwelche Anhaltspunkte haben...).

Nach ungefähr 350 Jahren wurden die Gefäße weniger, dafür wurden zunehmend Schmuckstücke und metallische Gebrauchsgegenstände wie Gewandnadeln geopfert. Ab dem Jahr 200 wurden außerdem viele Goldringe ins Moor geworfen. Sie alle wurden vorher zerschlagen. Dies war bei germanischen Opferungen weit verbreitet, wohl, damit symbolisiert und/oder sichergestellt wird, dass tatsächlich niemand mehr diese Gegenstände verwenden wird. Waffen und militärische Ausrüstung wurden im Thorsberger Moor eher selten geopfert: für das 2., 3. und 4. Jahrhundert wurde jeweils eine einzelne, dafür aber sehr große Opferung entdeckt. Dabei handelt es sich vermutlich um den Besitz besiegter Heere, den man - als Dank für den Sieg - den eigenen Gottheiten übergab. Wie auch bei den anderen Opfergaben wurden die Gegenstände vorher unbrauchbar gemacht, d.h. die Schwerter verbogen, die Schilde zerschlagen usw. Interessanterweise konserviert das Moor Materialien wie Holz und Leder sowie metallische Beschläge, während sich Klingen und andere Teile aus Eisen zersetzten.

Später nahm die Menge der metallischen Opfergegenstände wieder ab, dafür finden sich neue Gegenstände wie Kleidung, Tierknochen und Werkzeuge. Die letzten Funde werden um etwa das Jahr 400 datiert.

Das Thorsmoor heute:
Eigentlich ist das Moor relativ klein, man kann auf einem Rundweg von etwas mehr als 600 m bequem drum herum laufen. Vom früheren Opferkult sieht man nichts mehr, außer ein aar Infotafeln - aber es ist eine sehr schöne und ruhige Gegend, merklich ein paar Grad kühler als sonst. Gruselgeschichten sind hier fehl am Platz - die diversen Moorleichen, die im Schleswiger Museum liegen, wurden nicht hier geopfert, sondern stammen aus anderen Mooren in Schleswig Holstein und Dänemark.

Und gratis dazu: Grabhügel Kummerhy
Direkt in der Nähe vom Moor steht auch noch der Grabhügel Kummerhy. Er entstand, als um 650 - 500 v.u.Z. eine Steinkiste mit verbrannten Überresten einer verstorbenen Person beigesetzt wurde. Ein kleiner Steinkreis wurde darum gebaut und der Hügel darauf aufgeschüttet. Ein sogenannter Wächterstein mit Schälchen (kleinen Eintiefungen) gehörte dazu. Wozu diese Schälchen dienten ist ungewiss, einige Theorien sagen, dass darin Opferungen dargebracht wurden, nach anderen könnten sie Sternbilder darstellen oder einfach Verzierungen sein.
Im 9. oder 10. Jahrhundert wurde dann einfach eine weitere Person unverbrannt dazubestattet, ein größerer Steinkreis drum herum gebaut und ebenfalls aufgeschüttet, so dass der Hügel größer wurde.

Der Kreis wurde wieder freigelegt und mit einem Infoschild versehen, aber sieht auf dem Bild mystischer aus als in natura... Ich musste schon sehr herumhüpfen, um einen Blickwinkel für das Foto zu finden, bei dem keine Parkbank, Fahnenstange oder Hauswand zu sehen ist, denn der Hügel steht direkt neben einer Landstraße auf einem 20 m breiten Streifen zwischen Bahngleisen und einer Wohnsiedlung.

Bronzezeitlicher Steinkreis vom Grabhügel Kummerhy.

Quelle (neben den Infoschildern vor Ort) und Literaturtipp: Rudolf Simek - Götter und Kulte der Germanen

Dienstag, 19. August 2014

Die angeblich so schöne Bonifatiusroute...

Hallo ihr lieben!

(Kurze Vorbemerkung: leider wurden die gehosteten Bilder inzwischen gelöscht und ich hab wohl bis auf eins auch alle entrümpelt... Es tut mir leid. Da der Bericht aber eigentlich ganz lustig ist, lasse ich ihn drin.)


Ab und zu wandere ich gern alleine und weit. Hier ein kleiner Rückblick auf das erste Stück der Bonifatiuspilgerroute von Mainz bis Kriftel, das ich im Juni 2013 gelaufen bin... Um es vorweg zu nehmen: den Rest lauf ich nimmer.

Der Bischof Bonifatius, nach dem die Route benannt wurde, hat im 8. Jahrhundert in Fritzlar einen Baum gefällt (bzw. ließ ihn fällen) und gilt deswegen als der Apostel Deutschlands. Nunja, es war die Thor/Donar geweihte Donareiche, und mit der Fällung wurde Fritzlar der Ausgangspunkt der Christianisierung des heutigen Nord- und Mitteldeutschlands. Fritzlar ist aber dennoch eine sehr niedliche Stadt. Als sein Gott den Bonifatius dann jedenfalls irgendwann zu sich holte, marschierte man mit seinem Leichnam etwas über 170 km von Mainz nach Fulda. Die Bonifatiusroute wurde 2004 angelegt und beschreibt (grob) diesen Leichenzug.

Nachdem der kurze St. Jost Pilgerweg ja eine sehr schöne Erfahrung war (heidenchaos berichtete), hielt ich Pilgerrouten für eine gute Idee, längere und gut ausgeschilderte Routen zu finden. Nach wem die nun benannt wurden, ist mir relativ wurst, daher fiel meine persönliche Diskrepanz mit Herrn Bonifatius bezüglich Vandalismus an der Fritzlar'schen Vegetation bei der Entscheidung nicht so ins Gewicht. Die Route wird als "eine der schönsten Pilgerrouten Deutschlands" angepriesen und der Rhein-Main-Verkehrsbund gab dazu eine kostenlose und sehr ausführliche Karte heraus. Also Rucksack geschnappt und nix wie los! 

Um 9:20 komme ich am Mainzer Dom an, um den herum gerade ein Volksfest aufgebaut wird. Ich glaube, eine Statue des baumfällenden Heiligen hinter einem Waffelstand zu erspähen, habe aber keine Lust über Verkabelungen und Anhängerkupplungen zu klettern, sondern laufe einfach mal in die Richtung los, die meine Karte angibt. Eine halbe Stunde und 2 km später habe ich schon den Rhein überquert und blicke auf Mainz zurück. Endlich wird es etwas ruhiger, zwischen ein paar morgendlichen Angelnden entdecke ich auch endlich das erste Wegzeichen.
Nochmal 2 km später komme ich an die Stelle, wo der Main in den Rhein fließt. Das realisiere ich allerdings nicht so ganz, da ich eine total schöne kleine grüne Feder am Ufer finde und die erstmal meine gesamte Aufmerksamkeit beansprucht... Ein paar Hundert Meter weiter werde ich durch richtig üblen Gestank wieder zurück in die Realität gerissen. Da hat man die Pilgerroute tatsächlich direkt an einer Papierfabrik vorbeigeführt, die fast einen Kilometer lang wirklich ganz, ganz übelerregend ekelhaft stinkt. Ums noch schöner zu machen, ist "eine der schönsten Pilgerrouten Deutschlands" rechts und links mit Betonmauern zugebaut.

Nach 7 km und um 11:15 komme ich in Hochheim an, hier beginnen Weinberge und die Stadt sieht auch sehr hübsch aus.



 
Leider hält sich die Ausschilderung des Weges in Grenzen, so dass ich versehentlich nen Kilometer zu weit latsche. Aber wenigstens ist der Geruch endlich weg und die Wanderung durch die Weinberge wird nun doch recht schön, nach ein paar km aber doch etwas eintönig. Bei Streckenkilometer 12 bemerke ich außerdem schon, dass mir die Knie wehtun - kein Wunder, da man hier hauptsächlich auf Asphalt pilgert, was auf Dauer echt unangenehm ist!

Um 13:30 nach ungefähr 14,5 km entdecke ich bei Wicker hinter einer Kriegergedächtniskapelle ein kleines Steinlabyrinth. Eine kleine Kiste bietet laminierte Sprüche an, über die man meditieren kann, während man das Labyrinth abläuft. Motiviert vom Spruch "Wer für Umwege keine Zeit hat, irrt leicht am Ziel vorbei, ohne es zu erkennen." beschließe ich also, einen Abstecher durch das Labyrinth zu machen und denke über etwas nach, was mich den Tag über besonders beschäftigt hat. 15 Minuten und eine Minierleuchtung später mach ich mich wieder auf den Weg.

Das nächste Duft-Highlight auf der Strecke ist eine schwefelige Heilwasserquelle im treffend bezeichneten Örtchen Faulborn - das Wasser sieht klar aus, stinkt aber bestialisch und schmeckt nach Rührei  (man muss hierzu wissen, dass das Jynkx irgendwie Geruch und Geschmack von gebratenen Eiern gar nicht ab kann davon und tatsächich Übelkeit bekommt). Tragischerweise erfrische ich meine Füße kurz darin und trage den Geruch noch eine Stunde später (!!) mit mir herum. Dafür fängt es an zu regnen und der Weg endet bei Kilometer 20,5 vor der Einfahrt einer... ja ich weiß gar nicht, einer riesigen Grube, in der lautstark offenbar Kies abgebaut wird oder so. Definitiv heute nicht mein Pilgertag...

Nach einigem Herumirren finde ich schließlich einen Weg um diese Grube herum und sogar ein kleiner Aussichtsturm über ein Naturschutzgebiet, in dem ich mich kurz unterstellen kann und doch noch ein bissel schöne Natur sehen kann. Danach folgen rund 6 km relativ trostloser Strecke über Asphaltwege, bis ich endlich nach 27 km insgesamt und um 17 Uhr in Kriftel am Bahnhof ankomme. Eigentlich wollte ich noch ein Stück weiter nach Eschborn, aber dank dem harten Untergrund machen meine Knie echt nicht mehr mit und ich entscheide, nach Hause zu fahren.

Mein Gesamteindruck:
Insgesamt war die Bonifatiusroute auf der ersten Etappe bis auf wenige Ausnahmen landschaftlich entweder relativ langweilig oder eine Zumutung. Der Asphalt führte dazu, dass ich trotz guter Sandalen schnell ermüdete Knie hatte (ok, die sind nicht die besten, aber ich hab Vergleiche zu deutlich längeren Strecken).

Ich weiß nicht, was die ~140 km von Kriftel nach Fulda noch rausreißen sollen, um die Bezeichnung "eine der schönsten..." für die Bonifationsroute zu verdienen, aber ich werd es sicherlich nicht ausprobieren - da gibt es im Taunus, Odenwald oder am Rhein echt schönere Ecken.

Sonntag, 9. Juni 2013

Zwei Heiden auf dem Pilgerpfad St. Jost

Gude!
Gestern ist etwas sehr merkwürdiges passiert: das absolut ungetaufte Jynkx und der ebenfalls ungetaufte Lieblingskumpel sind einen ökumenischen Pilgerpfad im einem germanischen Gott gewidmeten deutschen Mittelgebirge entlanggepilgert.

Der St. Jost Pilgerweg ist mit entspannten 22 km Länge auch für eine Tagestour ideal. Alle Infos und die Karte dazu findet man auf der Homepage des Pilgerweges. St. Jost hätte im 7. Jahrhundert eigentlich ein Fürstentum geerbt, wurde aber lieber Pilgerer, Prediger und Eremit. Er ist darum auch der Schutzpatron der Pilgernden, passt also ganz gut für die erste Pilgerreise.

Eine Stunde Busfahrt durch Odenwälder Käffer brachte uns bis Niedernhausen, von wo aus wir us schonmal warmwandern konnten zur ersten Station, der St. Johannes der Täufer Kirche. Dabei kamen wir am Schloss Lichtenberg vorbei und fanden schon erste Markierungen des Pfades. Fast wären wir die letzte Etappe des Pilgerpfades, den Erleuchtungspfad vom Schloss zur Kirche, schon entlanggelaufen. "Glücklicherweise" verirrten wir uns aber ein bissel (muss man sich ja erstmal dran gewöhnen wie sowas ausgeschildert ist...) so dass wir unsere Erleuchtung nicht zu früh verpasst bekamen.
Rückblick: die ersten 100 m geschafft!
An der Kirche, in die wir kurz hineinschauten, begann der Weg ziemlich motivierend: aus der Kirchentür raus gradezu die Treppe und den Berg runter. Diese Etappe heißt passenderweise auch Aufbruchspfad. Man denkt sich "Und los!" Ein Infoschild informierte uns noch darüber, dass Gott(™) uns segnet und behütet, während wir unterwegs sind.

Nach einer kurzen Strecke durch das Dörfchen und an einem extrem lauten Froschteich vorbei gelangte man im Wald zu einer Ruine der ehemaligen Kapelle für St. Jost. Es ist nicht mehr wirklich was davon übrig, aber es wurde ein Kreuz aufgestellt und eine offene Kapelle aus Holz erbaut. Danach folgte der Stille Pfad, der teilweise eher nach Trampelpfad aussah So richtig viel Pilgerbetrieb scheint hier noch nicht zu sein...
Offizieller Pilgerweg.
Schließlich gelangte man aber auf einen breiten Feldweg mit schöner Aussicht auf Niedernhausen, das schon ganz schön weit weg schien, und etwas später zu einer kleinen Anhöhe. Darauf liegt die Station Zwölf Apostel, gut geeignet für die erste kleine Brotzeit und das Auftragen von Sonnencreme, denn bei uns war es langsam Mittagszeit und die Sonne knallte hier schon ziemlich auf uns zwei motivierte Pilgernde herunter. Wir entdeckten, dass ein Grüppchen neugepflanzter Bäume um die Sitzgelegenheit wohl die 12 Apostel symbolisieren sollte. Wenn die Bäume etwas dicker werden, wirds jedenfalls ziemlich kuschlig in dem kleinen Kreis darin...
Super Wetter, und so schöne Blumen zum Pimpen des Pilgerhutes.
 
Die Hinweistafel für die nächste Etappe informierte uns, dass ein Steigender Pfad vor uns lag und wir nun einen Stein hinaufschleppen sollen, in den man hineinlegt, was auch immer man gern loswerden möchte. Der folgende Anstieg war auch unabhängig vom fix gesuchten Stein schon etwas anstrengend, zumal er größtenteils in der prallen Sonne lag. Lieblingskumpel (der ürbigens bei meinem Geburtstagscamping auch mit unter anderem einer Auswahl von 5 verschiedenen Gläsern Brotaufstrich fürs Frühstück auf den Altkönig im Taunus gestiegen ist) hat sich trotzdem unterwegs noch 9 weitere Steine aufgepickt und mitgeschleppt.
 
Troll-Behausungen.
Es ging vorbei an den typischen Steinformationen, die man überall im Odenwald findet. Neben den Infos über alle möglichen am Wegesrand wachsenden Kräuter und Gräser bekam ich von meiner Pilgerbegleitung jetzt auch Hinweise, wie man sich mittels Mitführen eines Hahnes vor Trollangriffen schützen kann. Wir hatten zwar keinen Hahn dabei, aber da die Sonne noch fast senkrecht vom Himmel knallte bestand für die nächsten paar Stunden glücklicherweise auch erstmal keine Gefahr.
Bei der folgenden Station Rimdidim legten wir schließlich unsere Steine auf den großen Haufen, den andere Pilgernde dort schon angehäuft hatten. Damit legten wir symbolisch auch etwas ab, das wir im Leben loslassen wollten.

Zwar hieß die folgende Etappe auch wieder Steigender Pfad, es ging aber erstmal entspannend bergab und in herrlichem Sonnenschein weiter nach Süden, bis der Pfad relativ angenehm weiter anstieg. Da wir ja nebenbei immer wieder ein paar Geocaches gesucht haben, vertrödelten wir ziemlich viel Zeit in dornigen Gebüschen oder modderigen Gruben. Nach 4,5 Stunden auf der Neunkirchener Höhe mit dem Kaiserturm an. Mit 10,9 km reiner Pilgerwegstrecke ist hier etwa die Hälfte geschafft.
Aufgetürmte losgelassene Dinge.
Wir mampften zur Feier der Halbzeit die abgelatschten Kalorien in Form eines Kuchens aus der Gaststätte wieder drauf und marschierten dann auf dem Gnadenpfad durch schöne Landschaft weiter bis ins Dorf Neunkirchen. Es war etwas kälter geworden, aber durchaus angenehm zum Laufen.
Wieder schöne Wiesen...
Direkt hinter dem Ortsausgang hörten wir es plötzlich von Westen her laut grollen. Gewitter? Hmm. Es klang noch weit weg, und außerdem wurde uns ja gesagt, Gott behüte uns und so. Offenbar mag Gott es aber net, wenn Ungetaufte auf seinen Pilgerpfaden quasi schwarzfahren, denn es begann zu regnen. Passenderweise endete hier die Etappe Gnadenpfad, es begann der Tauferinnerungspfad. Aufgrund mangelnder Taufe konnten wir uns natürlich nicht erinnern, wurden aber dafür jetzt betröppelt. Ich hoffe, ich gelte jetzt nicht als getauft.

Nach einem kurzen Picknick unter einem Baum sah es so aus, als wäre der leichte Regel vorbei, das Gewitter schien vorbeigezogen. Also gingen wir weiter durch ein Waldstück zur Station Marienteichhütte. Hier suchten wir noch schnell einen Geocache, währenddessen begann es aber wieder zu regnen - und diesmal deutlich stärker. Wir entschieden uns, jetzt doch lieber einen Moment zu warten. Dann begann es zu hageln. Gott scheint uns nicht zu mögen. Als plötzlich ca. 50 m hinter uns ein Blitz einschlug und uns fast das Trommelfell wegfetzte, waren wir uns nicht sicher, ob Gott uns jetzt hasst oder ob das noch ein positives Zeichen war und der Blitz ansonsten die Hütte getroffen hätte... Vermutlich wollte aber nur Thor einfach mal wieder auf sich aufmerksam machen, damit nicht einer von uns versehentlich Christ wird.
Erkennt man net, aber:
es hagelt grade ca. 1 cm große Knollen.
 An den Bäumen flossen kleine Sturzbäche herab und der nahegelegene Bach begann sich an den Einflüssen zu überstauen. Inzwischen bestand der Marienteich nicht nur aus dem kleinen Steinteich vor der Hütte, sondern breitete sich auch um die Bänke und dahinter aus.
Schließlich wurden die Abstände zwischen Blitz und Donner immer länger, und nach einiger Zeit schien es nur noch zu regnen. Da wir schon eine gute Stunde warteten und langsam froren, beschlossen wir, schon weiter zu laufen.
Natürlich hatten wir auch weder langen Hosen noch Regenjacken dabei, wer kann denn sowas ahnen... Auf der Etappe Seligpreisungspfad waren die Bäche ziemlich reißend und die Wege sehr matschig.
Als wir aus dem Wald herauskamen, hatte es aufgehört und warme Luft kroch aus dem Tal nach oben. Die Sonne kam wieder heraus. Ein Teil aus dem Vers für diese Etappe schien mal wieder ziemlich gut zu passen: "Mein Geist frohlockt: Der Herr ist mein Retter."

Wieder deutlich besseres Wetter.
Es folgten ein weiterer Stiller Pfad und noch ein Steigender Pfad, den ich nicht als besonders hart steigend in Erinnerung habe, dann kamen wir an der Heuneburg an, einem Ringwall aus keltisch-germanischer Zeit. Zu erkennen ist der Haufen herumliegender Steine, der oben schon als Troll-Behausung gezeigt ist. Allerdings fanden sich hier einige Worte in germanischen Runen auf die Hinweisschilder gekritzelt und ein paar Blumen, die definitiv nicht von allein hier hochgekommen sind.

Ist bestimmt auch nervig für praktizierende Asatru, wenn hier ständig christliche Pilgernde langlatschen, darum machten wir uns aus dem Staub, bevor uns jemand für solche halten konnte. Es folgte ein Segnender Pfad, nach dem wir wieder in Niedernhausen ankamen und am Eselsbrunnen meinen 500. Geocache finden konnten. An diesem Brunnen wurde früher das Wasser mit Eseln zum Dorf hinaufgeschleppt, was dann doch noch unerwartet hoch lag. Mit letzter Kraft krochen wir eine ziemlich ungleichmäßige Treppe mit gemeiner Steigung hinauf, die in der Pilgerbroschüre ziemlich verharmlosend Wasserpfad genannt wurde.
Wir kamen an der Bushaltestelle vom Beginn unserer Expedition vorbei und gingen schließlich zum Schloss Lichtenberg hinauf. Vor über 8 Stunden kamen wir hier schon lang (und eine Hochzeit da drin war immer noch nicht vorbei). Diesmal fanden wir auf dem Erleuchtungspfad die Wegmarkierung, an der wir beim ersten Versuch vorbeigelatscht sind, und konnten uns auf dem Weg bergab zurück zur Kirche jetzt doch noch vollständig und nun auch voll berechtigt erleuchten lassen.
 
Unser Fazit: Dank Geocaching, Essenspausen und Gewitter haben wir 9 Stunden statt der angegebenen 7 benötigt und waren noch ziemlich fit. Auf eine zweite Runde hatten wir trotzdem keine Lust mehr. Die Zeit bis der Bus kam reichte dann gerade noch für ein Eis (sehr passend, da der nur alle 2 Stunden kommt). Insgesamt hat uns die Wanderung sehr gut gefallen, die Landschaft ist schön und abwechslungsreich und die 22 km waren echt bequem zu schaffen.