Donnerstag, 15. September 2016

Schweden: Wandern und Wälder, Moore, Küsten, Wind!

Hej,
heute wirds schwedisch. Da wir ja ohnehin auf Seeland in Dänemark unterwegs waren, lag ein Abstecher nach Schweden nahe. Was wir nicht wussten war, dass die Brücke dazwischen so schweineteuer war (54 Euro pro Richtung! Zum Glück hatten wir Mitfahrende...). Aber es hat sich dennoch gelohnt, denn Schweden hat eine wirklich wunderschöne Natur und kann unterm Strich extrem günstig sein, wenn man es richtig anstellt.
Typische schwedische Landschaft im Südwesten.
Es herrscht in Schweden das Jedermannsrecht, d.h. bis auf in ausgewiesenen Naturschutzgebieten und auf Privateigentum ist das Zelten überall erlaubt, ebenso wie das Sammeln von Pflanzen, Brennholz, Beeren, Pilzen usw. (nur Bäume fällen darf man nicht, das stand extra dabei, Freund war etwas geknickt). Hinzu kommt, dass es verschiedene Fernwanderwege in Schweden gibt, beispielsweise den Skåneleden. Entlang dieser Wege sind in regelmäßigen Abständen von rund 17 km Lagerplätze eingerichtet, an denen meist eine Schutzhütte, Feuerplatz mit Holzvorrat und manchmal eine Toilette kostenlos zur Verfügung stehen. Entlang der Route gibt es auch immer mal wieder ausgeschilderte Trinkwasserquellen. Wer also entlang dieser Wege wandert oder einfach mit dem Auto zu den Lagerplätzen fährt, kann dort kostenlos und relativ bequem übernachten.
Ein Lagerplatz auf dem Skåneleden, hinter mir stand noch ein Verschlag mit Brennholz, links noch eine Toilette.
Wir waren mit dem Auto unterwegs, da ich ja auf dem Rückweg noch einen dienstlichen Termin in Odense in Dänemark hatte. Da brauchte ich dann leider doch so Krams wie hübsche aber vergleichsweise unfunktionale Schuhe, Hemd das im Rucksack zerknittern würde usw... Wer uns jetzt für verweichlicht hält, dem sei aber gesagt: wir sind die Etappe zwar nur mit Tagesgepäck und nicht mit vollständiger Ausrüstung gelaufen, dafür aber doppelt, sprich 17 km zum nächsten Lagerplatz und dann wieder zurück, wo eben das Auto stand, was insgesamt immerhin eine Tagesstrecke von 34 km war. Geht trotz teilweise schwerem Terrain recht gemütlich in 9 Stunden, wenn man an derartigen Gewaltmärschen Freude hat.
Was ich am Campen in der Natur so besonders mag ist der Abend, den man wirklich irgendwo in der Pampa verbringen kann ohne sich Gedanken zu machen wie man in der Dunkelheit noch den Berg runter und nach Hause kommt. Die Sterne und vor allem, dass man am nächsten Tag nach dem Aufwachen nur das Zelt öffnen muss und schon wieder draußen ist... An einem Abend hatten wir sogar einen richtig schönen Regenbogen als Entschädigung für die ständigen Wolkenbrüche.
Abend am Lagerplatz.
Aus dem Zelt gemachtes Foto. Campen ist toll.
Wanderweg? Gradeaus weiter!
Bifröst, die Regenbogenbrücke nach Asgard, ist in Schweden anscheinend mehrspurig ausgebaut... Nicht ganz so toll ausgebaut sind die Wanderwege, auch auf dem Skåneleden. Zwar zeigen bunte Punkte auf Steinen und an Bäumen den Weg, aber in Deutschland würde man denken, man habe sich verirrt und stapfe grad über einen Trampelpfad, wenn überhaupt. Sieht natürlich teilweise sehr schön aus, auf einer Etappe bestand der Weg aber aus 10 cm breiten, sehr glitschigen, überwucherten, schiefen Holzplanken über einem Moor.
Freund war ziemlich sauer, diese rutschige Schwebebalken-Aktion versaute ihm die Durchschnittsgeschwindigkeit gewaltig. Für nichtmal 2 km Glibberbrettstrecke waren wir eine unerhörte Stunde unterwegs! Mir war die Zeit Wurst, ich hab mir lieber angeschaut, wo wir lang kamen, und hab Freunds Geschwindigkeit weiter verringert indem ich gar stehengeblieben bin, Grünzeug angeschaut und Beeren gepflückt hab.

Was so am Wegesrand wächst...
Zum Beerenpflücken ereignete sich noch eine lustige Geschichte. Überall wuchsen diese kleinen roten Beeren, die oben im mittigen Bild abgebildet sind. Ich war mir aber nicht ganz sicher, ob sie essbar sind, und beschränkte mich drum auf die Brom- und Blaubeeren. Schließlich trafen wir aber drei alte Schweden, die riiiesige Körbe davon geerntet hatten. Einer von ihnen sprach Englisch, drückte uns eine Hand voll in die Hände und erzählte mir, dass die Beere im Schwedischen Lingon heißt. Ich erkannte sie dann wieder (ja klar, das sind doch Preiselbeeren!), wusste aber auch das englische Wort nicht... Da fiel mir ein, dass es dazu ja eine Limonade bei IKEA gibt, und dann wusste der alte Schwede, dass ich jetzt weiß welche Beere das ist. Einige Zeit später, als wir auf einer Waldstraße weiterwanderten, fuhren die drei alten Schweden dann nochmal an uns vorbei, hupten und winken uns wild zu.

Schweden sind wirklich ein entspanntes und freundliches Völkchen. Als wir einige Tage vorher an einer Küste langwanderten, drückte mir ein entgegenkommender Schwede plötzlich einen glitzernden Stein in die Hand mit den Worten "It's a lucky stone, keep it well!"

An einer anderen Küste, auf der Landzunge des Kullaberg Nationalparks entstand dann übrigens das nachfolgende Bild. Boah war das ein Sturm! Nebeneinanderstehend musste man schreien, um sich zu verständigen. Aber dafür gibts wenigstens mal eine ordentliche Brandung und schöne Wellen!
Strand am Kullaberg, und Antwort auf die leidige Frage ob ich denn auch mal im Wasser war...
Bei der salzigen Luft, dem Geräusch der Brandung und diesen tollen Wellen hab ich mich so richtig wohl gefühlt. Vor allem, weil man hier in den Klippen ein bisschen herumklettern konnte und es auch mehrere Grotten gab. Freund war kein Fan von Freeclimbing und blieb die meiste Zeit oben auf dem Pfad... In eine der Grotten, die Silbergrotte (Silvergrottan), kam er dann aber doch mit. Sie entstand künstlich, nachdem König Frederik II aus Dänemark 1561 etwas silbernes in den Steinen schimmern sah und daraufhin 15 m Tunnel in die Steilküste hat kloppen lassen. Silber fand man dann doch nicht - das Glitzern waren andere Mineralien. Aber vielleicht wartete ja am Ende des Ganges wenigstens ein Plüsch-ZONK auf die armen Arbeitenden  (Kennt eigentlich noch jemand den ZONK?)
Aus der Silbergrotte.
Was gab es ansonsten noch zu sehen in Schweden? Ganz zusammenhanglos...
...ein zutraulicher Bock, der uns auf einer Wanderung begegnete...
...ein Dolmen (schwedisch: Dösen) in Skegrie...
...Thorshämmer und Thor...
...und eine nachgebaute Trelleborg in Trelleborg!

Freitag, 9. September 2016

Dänemark: Lejre, das Paradies für Megalithfans

Moin moin,
dieses Jahr haben wir eine kurze Tour durch Dänemark und die schwedische Westküste hoch gemacht. In unchronologischer Reihenfolge, einfach weil ich es am schönsten fand, hier ein kurzer Überblick über zwei tolle Ausflugsziele in Lejre bei Dänemark. Lejre liegt etwas südlich von Roskilde bzw. westlich von Kopenhagen und wir wären fast ahnungslos durchgefahren, wenn ich nicht durch Zufall im Waschhäuschen eines Campingplatzes in einem Prospekt ein winzelig kleines Bild vom Ganggrab Øm Jættestue entdeckt hätte. Im Nachhinein muss ich sagen, das war die mit Abstand schönste Ecke von Dänemark, die wir gesehen haben!
Das malerische Lejre, Sitz der mythischen ersten dänischen Könige. Die Hügel im Hintergrund sind Grabhügel.
Wenn ich ein mythischer König wär hätt ich mich auch hier breit gemacht!
Lejre ist quasi die dänische Variante vom Brú na Bóinne, nur nicht ganz so alt. Nach dem altenglischen Heldenlied Beowulf hatte hier das erste dänische Königsgeschlecht der Skjoldunger ihren Sitz. Obwohl diese vermutlich nur eine Legende sind, geht man doch davon aus, dass hier einst ein Königssitz war, unter anderem wegen Überresten von großen Hallengebäuden. Lejre schien über oder in verschiedenen Zeiten sehr bedeutend gewesen zu sein; man findet dort unter anderem jungsteinzeitliche Grabanlagen, eisenzeitliche Hügelgräber und Schiffssetzungen...
Unser erster Stopp war das besagte Ganggrab Øm Jættestue. Leider ohne Anfahrtsbeschreibung, und unser Navi kannte es auch nicht. Aber Dänemark ist ja übersichtlich, und so fuhren wir einfach erstmal nach Øm und dort durch nach Nordwesten Richtung Gammel Lejre, und schwupps bretterte Freund auch schon direkt am Hinweisschild zum Grab vorbei... Das Schild ist auch schon der einzige Hinweis, den man von der Landstraße aus sieht, denn ein Touri-Hotspot scheint es nicht zu sein. Zwei Infotafeln wurden angebracht, ansonsten steht das Grab offen und ist einfach zugänglich.
Abgeschiedenes Ganggrab...
Eingang ins Grab.
Während wir um den Hügel stapften war Freund schon dabei sich zu beschweren, dass es keinen Eingang gäbe, aber ungefähr im Osten fanden wir dann einen schmalen Spalt. Während wir damals bei Newgrange in Irland in Zehnergrüppchen und nur für kurze Zeit (und relativ viel Eintritt) ins Ganggrab hinein kamen, waren wir hier völlig allein und konnten uns so viel Zeit nehmen wie wir wollten. Oh, und Fotografieren im Inneren war hier auch nicht verboten! Dafür hab ich aber erstmal aufgeräumt und Kerzenstummel und leere Teelichter zusammengesammelt...
Im Ganggrab konnte man dann auch wieder aufrecht stehen.
Eine Taschenlampe wurde empfohlen, aber wir hatten Glück und die Sonne schien gerade hinein.
Øm Jættestue ist etwas mehr als 5.000 Jahre alt (also etwa wie Newgrange) und eines der größten und am besten erhaltenen Ganggräber in Dänemark. Entdeckt wurde es 1932 durch Zufall bei einer Pause während der Kartoffelernte.
Keine Sonnenwendausrichtung, aber trotzdem toll!
Um in das Grab zu gelangen, wurden damals die Decksteine des knapp 7 m langen Ganges entfernt, so dass der heutige "Graben" entstand, durch den man direkt hinein kommt. Nach den Funden im Grab nimmt man an, dass dort über Generationen die Toten des Stammes bestattet wurden - der Leichnam musste also irgendwie kriechend durch diesen Gang in die Grabkammer mit den alten verwesenden Leichen transportiert werden. Man kann also annehmen, dass die Athmosphäre damals eine deutlich andere war als das sanfte Licht und die frische Luft heute...
Funde von Grabbeigaben aus Kupfer und Urnen an der Außenseite des Hügels lassen darauf schließen, dass das Grab bis etwa 700 v.u.Z., also etwa 2400 Jahre nach seiner Errichtung immer wieder für Bestattungen genutzt wurde. Als Bauingenieur kann man von so einer Nutzungsdauer nur fasziniert sein!

Nach dem Ganggrab machten wir einen kleinen Zeitsprung und besuchten die eisenzeitlichen Schiffssetzungen und Hügelgräber bei Gammel Lejre. Schiffssetzungen sind keine tatsächlichen vergrabenen Schiffe, sondern Steinsetzungen in Form eines Bootes - quasi ovale Steinkreise. Sie befinden sich um Gräberfelder und stammen meist aus der Bronze- oder Eisenzeit.
Reste der Schiffssetzung in Gammel Lejre, im Hintergrund ein Hügelgrab.
Es existieren heute noch Reste von zwei Schiffssetzungen in Gammel Lejre, die wir gefunden haben. Eine davon besteht aus nur noch 5 Steinen und ist beim besten Willen nicht mehr als schiffsförmig zu erkennen. Bei der anderen, früher fast 100 m langen konnte man oben vom Grabhügel aus betrachtet die frühere Form noch ganz gut nachvollziehen. Man vermutet, dass die Schiffssymbolik den Toten helfen sollte, in das Totenreich zu gelangen. Nicht nötig hatten das offenbar einige fürstliche Personen, die in vier umliegenden Grabhügeln bestattet wurden. Im Grabhügel Grydehøj von 650, den ihr auf dem obigen Bild seht, wurden Überreste einer verbrannten Person, geschmolzenes Gold und Bronze sowie Überreste diverser geopferter Tiere gefunden. Das fand ich im Vergleich zu dem umliegenden Gräberfeld besonders interessant, weil dort die Toten anscheinend unverbrannt bestattet wurden - leider gaben die Infoschilder keine genauere Datierung als "Eisenzeit" für die Schiffssetzungen an (für die Bestattungen darin überhaupt nicht), und das ist ja ein sehr dehnbarer Begriff (die ging in Dänemark etwa von 500 v.u.Z. bis 1050 n.u.Z.).
Schiffsssetzungssteine nochmal von näher dran. Zumindest wirkt das Mistwetter auf dem Foto hübsch.
Bis 1800 sollen es übrigens noch vier weitestgehend komplette Schiffssetzungen in Lejre gewesen sein. Freund und ich grübelten, wer denn da bitteschön die Steine weggemopst hat und wozu überhaupt - dicke Steine gibt es doch auf Seeland genug. Wirklich schade drum, aber vielleicht war das ja auch einfach wieder ein wütender Landwirt wie der, der damals den Steinkreis bei Darmstadt demoliert hat...

Freitag, 2. September 2016

Rügen: Ein Heiligtum stürzt ins Meer...

Moin ihr Lieben,
aus dem (superschönen!) Schweden-Dänemark-Urlaub bin ich inzwischen zurück, und wie versprochen werde ich mich jetzt langsam ans Nachholen diverser Blogeinträge machen. Momentan ist es ja noch recht sommerlich, daher kommt nun ein heidnischer Reisebericht zu Rügen, denn die Strand-Bilder wirken jetzt noch nicht ganz so deplatziert.

Letzten Dezember hatte ich schon rumüberlegt, dass ich eigentlich gern mal nach Rügen würde. Glückspilz wie ich bin ergab sich schon im Frühjahr eine Dienstreise dorthin, bei der ich ein verlängertes Wochenende drangehängt habe. Rügen ist nicht nur einfach eine Ostseeinsel! Durch die weißen Kreidefelsen, die langsam ins Meer bröckeln, wirkt das Wasser türkis wie im Mittelmeer.
Die Kalkfelsenküste nördlich von Sassnitz.
Die spektakuläre Steilküste hat aber auch ihren Preis: jedes Jahr bricht mehr davon ab, die Insel wird dadurch immer kleiner... Der dichte Buchenwald an der Küste, durch den man heute noch wandern kann, wird irgendwann nicht mehr da sein. Man kann genau beobachten, welche Bäume als nächstes in die Tiefe fallen werden, manche von ihnen stehen schon fast waagerecht im Hang oder haben kaum mehr Boden unter den Wurzeln. Im Schnitt werden es jedes Jahr 30 cm weniger, das aber unregelmäßig. Teilweise brechen gleich mehrere Meter am Stück weg.
Diese Bäume steht nicht mehr lange...
In diesem Sinne war Rügen wohl gerade der ideale Ort für meine Stimmung - der Boden bricht weg und alles vergeht. Nun ja, trotzdem war es sehr schön und die Ruhe tat mir gut - und wenn ich Ruhe meine, dann aber wirklich. Ich war in der Vorsaison da und habe während meiner Ausflüge teilweise stundenlang keine einzige Person zu Gesicht bekommmen. Ein Traum!

Nach der Wanderung entlang der Küste wollte ich dann doch wieder etwas festeren Boden unter den Füßen haben und bin einige Kilometer ins Inselinnere gelaufen, um verschiedene Hügelgräber und Dolmen aufzusuchen. Mithilfe der tollen Homepage von Reinhard hab ich mir eine Karte mit Koordinaten zusammengestellt. Schon von weitem war klar, dass ich die eigentlich gar nicht brauchte: auf der Grasebene waren die Hügel schon von weitem zu erkennen, etwa alle 100 Meter war ein kleiner Hubbel mit einigen alten, knorrigen Bäumen darauf und in den meisten Fällen Überresten des Großsteingrabes darunter.
Hügelgräberhöhen! Hier der Blick von einem Hügel auf den nächsten.
Großsteingrab bei Loch 8...
...für ein besonders schönes Großsteingrab bin ich quer über einen Golfplatz marschiert, in dessen Mitte der verdächtige Hubbel mit knorrigen Bäumen aufragte...

Rügen besitzt unglaublich viele dieser Großsteingräber, die vermutlich von den Jägern und Sammlern stammen, welche die Insel nach der letzten Eiszeit besiedelten. Einige der Gräber sind leider ebenfalls schon mitsamt der Küste ins Meer gestürzt. Andere haben noch einige Jahrhunderte vor sich, bis der Küstenabbruch sie erreichen wird. Gerade im Abstürzen befindet sich aber ein ganz besonderes Stück der Insel: die Tempelburg bzw. Jaromarsburg am Kap Arkona.

Das Gelände der ehemaligen Tempelburg, vom Wall aus gesehen.
Die Tempelburg bestand vermutlich vom 9. bis 12. Jahrhundert n.u.Z. und bestand aus zwei Wällen, die man auch heute noch sehen kann, sowie einer zusätzlichen Befestigung aus Holz. Im Inneren befand sich ein Tempel, bei dem man davon ausgeht, dass er das zentrale Heiligtum des slawischen Hauptgottes Svantovit darstellte. Eine aus einem Eichenstamm geschnitzte Statue von ihm zeigte seine vier Gesichter, mit denen er in alle Himmelsrichtungen blickte.
 
Weil es ja anscheinend einfach nicht möglich ist, Leute mal in Ruhe und mit ihrem Glauben leben zu lassen, kam (kurzgefasst) im 12. Jahrhundert der dänische König Waldemar I mit seinem Heer angeschippert, verbrannte den Tempel, zerhackte die Statue des Gottes und brachte die Christianisierung.

Inzwischen wird außerhalb des Tempelgrundes wieder ein kleiner heiliger Ort mit einer Statue für Svantovit eingerichtet, am Eingang steht bereits eine zweigesichtige Version. So ganz tot bekommen hat man den Gott und das Heiligtum eben doch nicht, doch auch hier ist das Ende durch den simplen Lauf der Natur wieder abzusehen. Geschätzt sind bereits 2/3 der ehemaligen Tempelburg abgebrochen. Das verbliebene Drittel ist stark gefährdet und darum für Besuchende gesperrt. Es werden eilige archäologische Notgrabungen durchgeführt, bevor alles entgültig im Meer versinkt. Würdevoller und schöner kann das Ende eines heiligen Ortes doch gar nicht sein, oder?
 
Svantovit.
Hier seht ihr rechts die Abbruchkante der Tempelburg und den Rest eines Walls.
Auch das, was ich neben meinem "heidnischen Pflichtprogramm" noch angesehen habe, war irgendwie von Verfall und Vergehen geprägt, aber dennoch wunderschön: Die Ruinen des Schlosses Dwasieden. Das einst prachtvolle Schloss mit einem ausladenden Garten wurde 1877 erbaut. Nach dem Tod des Bauherrn wurde es verkauft und militärisch genutzt, 1948 dann unter sowjetischer Besatzung gesprengt. Es liegen jetzt Einzelteile im Wald herum, ein paar Säulen stehen noch auf Resten des Kellergewölbes. Man hört das Meer rauschen. Hier könnten Geister einen langsamen Walzer tanzen. Nicht mehr lange, und diese Ruinen liegen auch am Meeresgrund.
Die Überreste von Schloss Dwasieden am Meer.

Freitag, 27. November 2015

Deutschlands südlichste Menhiranlage - gleich bei mir um die Ecke!

Moin moin,
neulich stieß ich ganz zufällig darauf, dass gar nicht weit von unserem Feld eine Menhiranlage steht. Jawoll, eine echte (naja, gut, zwischenzeitlich von einem wütenden Bauern demolierte, nicht mehr ganz komplette, aber trotzdem) jungsteinzeitliche Menhiranlage direkt neben Darmstadt - die einzige dieser Art in Hessen und Süddeutschland (sonst gibts nur noch einzelne Steine)!
Heute wollte ich sowieso mal wieder aufs Feld, ein bisschen Salat und Petersilie besorgen und die letzten Pastinaken. Also bin ich ein Stück weiter geradelt und hab diese ominöse "Menhiranlage Hirtenwiese" gesucht. Das Wetter war ganz so, wie ich es liebe: kalt und neblig. Weil es nachts geschneit hatte, tropfte es um mich herum von den Bäumen.
 
Irgendwann trat ich aus dem Wald auf neblige Wiesen hinaus, und kurz darauf war die Menhiranlage auch schon ausgeschildert. Durch sie hindurch führt inzwischen ein Bach, in den doch tatsächlich gerade als ich vorbei kam ein Otter sprang und davonpaddelte (vermute ich zumindest, denn vom Biber angenagte Bäume konnte ich nirgends entdecken).
Der Weg zur Menhiranlage.
Bach und Brücke in der Anlage.
Ursprünglich floss der wohl etwas weiter entfernt, ebenso gab es früher auch den Wald noch nicht - erst in den 1920er Jahren wurde dieser angelegt, davor waren die Steine über eine weite Ebene gut sichtbar.
Es ist schon schade, was mit den Steinen passiert ist... Aufgestellt wurden sie irgendwann vor ca. 4.000 - 4.500 Jahren, vermutlich war es damals ein Steinkreis aus mindestens 14 Steinen. Von diesen sind heute gerade mal 7 übrig, die ein bisschen wie Kraut und Rüben stehen, jedenfalls nicht in einem Kreis.
Der größte Menhir.
Sechs der sieben (einer ist noch ganz links in Dunkelgrau),
der siebente befindet sich rechts auf der anderen Seite des Baches.
Wohin der Rest der Anlage verschwunden ist, weiß man nicht. Reinhard Möws schreibt auf seiner übrigens sehr empfehlenswerten Homepage über Großsteingräber und Megalithbauwerke, dass 1951 ein Bauer einen der Steine sprengte, der 34 m entfernt vom Bach auf der Wiese stand. Dass es sich dabei überhaupt um eine Menhiranlage handelt, wurde merkwürdigerweise erst 1967 festgestellt, also kann man es dem Bauern wohl nicht krumm nehmen. Auch nicht, dass man die meisten der verbliebenen Steine dann im Bach liegend vorfand...
In der Umgebung wurden bei Ausgrabungen übrigens Gegenstände aus Epochen von der Altsteinzeit (ca. 35.000 v.u.Z.) bis hin zur frühen Zeit der Kelten (vor 2.500 - 2.800 Jahren) gefunden.
Aussicht über die Wiese. Ein Kreis ist das wirklich nicht mehr, aber trotzdem hübsch.
Nunja, wir haben also eine Menhiranlage um die Ecke, die noch maximal die Hälfte ihrer Steine besitzt, von denen wohl keiner mehr weiß wo welcher mal stand, und durch die jetzt ein Bach fließt (in dem Otter leben, oder irgendwas anderes braunes, dickes das schwimmen kann). Ich will nicht meckern - besser ein halber Steinkreis, der eher wie ne Schlangenlinie aussieht, als gar keiner. Und die Umbegung ist dort im Naturschutzgebiet wirklich unerwartet schön gewesen!

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Oh du wunderschöne Loreley...

Moin moin,

eigentlich wollte ich schon vor geraumer Zeit über einen Wochenendausflug bloggen. Als ich von Mai bis Juli diesen Jahres wegen Dienstreisen relativ häufig die wunderschöne Bahnstrecke am Rhein entlang fuhr, bei der man auch die Loreley sieht, hab ich mich ein bisschen in dieses Stück Flusstal verliebt... Die steilen, grünen Hänge, die wilden Kurven des Flusses, die Burgen, die hier und da am Berg kleben... Als Freund, ich und drei Kumpels nach einem spontanen Ziel für einen Campingausflug suchten, quetschten wir uns kurzentschlossen zusammen mit unserem Equipment ins Auto und fuhren zur Loreley.

Schon der Name des rund 130 m hohen Loreleyfelsens in einer engen Flusskurve ist wunderbar mystisch: "Ley" ist noch relativ sicher auf das keltische Wort für Schieferfelsen zurückzuführen, zum Rest des Namens gibt es mehrere Theorien. Die Loreley ist demnach entweder ein summender Fels (rheinisches "luren" = summen), ein Elfenfels (mittelhochdeutsches "lur" = Elfe), ein lauernder Fels (mittelhochdeutsches "luren" = lauern) oder ein schreiender Fels (mittelhochdeutsches "lorren/lurren" = schreien). Wie die Geschichte des Loreleyfelsens zeigt, passen alle Namen irgendwie...
Der summende Fels
Im Rheintal am Loreleyfelsen gibt es ein sehr starkes, siebenfaches Echo. Daher wurde früher das Rauschen des Rheins an den Klippen am Ufer mehrfach zurückgeworfen und erzeugte ein beständiges Rauschen und Murmeln. Es schien, als würden diese Geräusche aus dem Felsen selbst kommen. Da man es nicht anders erklären konnte ging man davon aus, dass Zwerge in Höhlen im Felsen hausten und wild durcheinander redeten.
 
Inzwischen ist das Rheinufer für die Schiffbarkeit verändert worden, so dass dieser Effekt kaum noch zu bemerken ist.

Blick von der Loreley ins Rheintal.

Statue der Loreley auf dem Felsen.
Der Elfenfels - Die Sagengestalt Loreley
Loreley ist auch der Name einer Zauberin, Nixe, Sirene oder Elfe, deren Geschichte viele verschiedene Versionen hat. "Erfunden" wurde sie vom Dichter Clemens Brentano 1801/02. In seiner Ballade ist Lore Ley eine schöne Frau, in die sich jeder Mann sofort verliebt und daraufhin blindlings in sein Verderben rennt - nur den einen Mann den sie selbst gern hätte bekommt sie nicht. Des Lebens müde möchte sie ins Kloster gehen, allerdings auf dem Weg dorthin noch einmal vom Loreleyfelsen aus das Schloss ihres Geliebten sehen. Da glaubt sie, diesen auf einem Boot auf dem Rhein zu sehen. Dabei beugt sie sich zu weit nach vorn und stürzt schließlich den Felsen hinunter.

In den folgenden Jahren wurde die Figur der Loreley von vielen Künstlern der Romantik aufgegriffen.
Sie wandelte sich schließlich zu einer Nixe bzw. Sirene, die durch ihren Gesang und ihre Schönheit die Seefahrer ablenkt, deren Schiffe dann vom Rhein verschlungen werden, und wurde zu einer der populärsten örtlichen Sagengestalten in Deutschland. Ihre Form als Sirene führt uns zum nächsten möglichen Namensursprung des Loreleyfelsens...

Der lauernde Fels
Der Rhein war schon zu Zeiten der alten Römer ein wichtiger und vielbefahrener Handelsweg - und die Gegend um die Loreley wird tatsächlich als gefährlichster Abschnitt davon angesehen. Ein ganz wundervoller Wasserbauprofessor hat damals in meinem Studium eine komplette Vorlesung dem Phänomen der Loreley gewidmet, um uns die Geschichte und den vermutlichen Hintergrund der Sirenen-Sage näherzubringen. Um es grob zusammenzufassen: der Rhein verengt sich an dieser Stelle sehr stark, wodurch er schneller wird. Außerdem gibt es durch die vielen Kurven, Kluften, Felsrippen und Sandbänke unvorhersehbare Strömungen und Strudel.

Es ertranken bei der Loreley so viele Seefahrer, dass sich im 6. Jahrhundert der Priester St. Goar auf der anderen Rheinseite niederließ, um Schiffbrüchige aus dem Wasser zu ziehen und zu pflegen. Die Stadt, die dort entstand, heißt heute Sankt Goar, und bis vor knapp 100 Jahren wurden vor dem Passieren der Loreley die Schiffsbesatzungen mit drei Glockenschlägen zu einem Gebet aufgefordert.

In den 1930er Jahren wurden schließlich die meisten Felsenrippen gesprengt, so dass die Loreleypassage bei weitem nicht mehr so gefährlich ist wie früher. Außerdem ist eine Fahrrinne vorgegeben. Dennoch passieren immer wieder Unfälle, vor allem bei ungewohnten Wasserständen. Erst im Januar 2011 kenterte ein Tankschiff, zwei Besatzungsmitglieder ertranken im eiskalten Wasser...
...und in unserem Fall: der schreiende Fels
Angetan von der mystischen und traurigen Geschichte wanderten wir in einer unglaublichen Hitze von der Loreley herunter, um die Burg Katz herum und mit einem etwas unfreiwilligen Umweg wieder zurück. Ob dies die Burg des Geliebten war, auf die Lore Ley in der Ballade noch einmal blicken wollte, bevor sie den Fels hinunterstürzte?

Abends bauten wir unsere Zelte auf dem Zeltplatz direkt auf dem Loreleyfelsen auf - und wurden mitten in der Nacht durch ein unglaublich heftiges Gewitter geweckt!

Die Burg Katz, flussabwärts der Loreley.
Thor zeigte so richtig, was er konnte, und durch das siebenfache Echo hallte jeder Donarsschlag mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke das Rheintal rauf und runter. Zumindest für zwei von uns war das nicht die erste derart intensive Begegnung mit Thors gewaltigen Kräften - im Odenwald semmelte der Gute ja schonmal für meinen Geschmack viel zu nah hinter uns einen Blitz in den Boden.

4 Ingenieure und ein Biologe waren sich jedenfalls schnell einig, dass man besser die Zelte sichern und sich in den nächsten Faradayschen Käfig, d.h. das Auto begeben sollte, zumal ein ziemlicher Sturm über den Felsen fegte, mit einem wunderbar heulenden Echo übrigens - der Fels schrie und brüllte! Irgendwie waren nicht alle so beglückt über dieses faszinierende Unwetter wie ich, aber ich hatte ja auch leicht reden, da Freund und ich auf den Vordersitzen dann gemütlich weiterschliefen, während die anderen wie die Hühner auf der Stange noch eine Stunde auf der Rückbank hockten bis das Unwetter vorbei war...

Zum Abschluss noch etwas unzusammenhängend ein lustiges Warnschild, das wir auf der Wanderung entdeckten:
Nur so zur Erheiterung ;)

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Externsteine: Ein modernes Heiligtum

Moin moin,

vor einigen Wochen war ich mit Freund und unserem Lieblingskumpel an den Externsteinen im Teutoburger Wald. In der spirituellen Szene sind "die Steine" ja recht beliebt und haben da auch eine gewisse Geschichte...

Externsteine, von "hinten" aus gesehen.
Ich war bereits 2003 zur Sommersonnenwende und 2005 am Wochenende vor der Wende schonmal da. Nun wurde es langsam wieder Zeit. Damals hatte ich mit einer Freundin ziemlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht: direkt zur Wende war das ganze eher wie ein Festival ohne Musik, will sagen dunkel gekleidete Betrunkene, Zelte, Müll. 2005 war es dann sehr leer, wir konnten viel mehr Atmosphäre genießen. Ein kleines Grüppchen bunt bemalter Leute trommelte und hüpfte mit uns um ihr Lagerfeuer, bis wir dann am Fuße eines Baumes auf der Wiese vor den Steinen einschliefen, mit Blick auf die Milchstraße und später den Sonnenaufgang (Zeltaufbau war damals inzwischen schon untersagt, da haben wir den Schlafsack eben einfach auf die Wiese gelegt).

Nach diesen 10 Jahren hab ich viel neues entdeckt, einiges anders gesehen. Jedenfalls haben wir diesmal viel auch um die Steine herum erkundet und uns vorher einige Infos aus dem Internet zusammengesammelt.
Geschichte vs. Urban Legends...
Dabei fiel uns auf, dass nur wenig wirklich belegte Information zu den Steinen, Höhlen, archäologischen Funden und Plätzen in der Umgebung besteht - der absolute Großteil sind subjektive Erkenntnisse einzelner Personen (die das leider nicht immer als solche deklarieren) oder "Urban Legends", also ungesicherte Infos, die sich so lange weiter verbreiten, dass niemand mehr eine Quelle dafür angeben kann (und/oder will). Und selbst in der wissenschafltichen Literatur sind viele Datierungen und Annahmen zur Funktion der gefundenen Objekte unsicher.

Höhlen in den Steinen.
Der "Wackelstein" - genauso wacklig
kam uns die Mythologie der Externsteine
irgendwann auch vor...
Dass die Externsteine tatsächlich ein "uraltes Heiligtum" waren, wird zwar oft behauptet, aber konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Es gibt archäologische Funde der Alt- und Mittelsteinzeit, die aber nicht auf eine Kultstätte schließen lassen. Dann gibt es über lange Zeit erstmal gar keine Anhaltspunkte, bis schließlich für das Mittelalter eine kultische (aber christliche) Nutzung recht sicher angenommen werden kann.
 
Dieser Wikipedia-Artikel ist recht empfehlenswert für einen ersten Überblick darüber was es alles gibt und was man dazu bislang tatsächlich herausgefunden hat.
 
Na toll, und jetzt?
Die Frustration bei meinen Begleitern war erstmal groß - man hatte doch irgendwie den bedeutendsten ur-heidnischen Megakultplatz der Germanen und ihrer Urahn*innen bis vor mindestens drei Eiszeiten erwartet! Inklusive Instant-Gottheitserlebnis und so. Und dann erfährt man, dass bis auf die christlichen Mönche alles nur auf gelinde gesagt ziemlich wagen Spekulationen beruht und die Höhlensysteme lange Zeit nur ganz profan als Gefängnis genutzt wurden...
Wird Zeit, die Erwartungen hinter sich zu lassen und zu schauen, was man machen kann aus dem, was da ist.
Schauen wir mal, was es noch so gibt...
Also ließen wir die Haupt-Steine und die wilden Spekulationen darüber hinter uns und schauten uns die Umgebung an. Und die verzauberte uns dann doch wieder. Zunächst mit wunderschöner Natur und interessant gewachsenen Bäumen...
Schöne Tiere...
...und merkwürdige Bäume.
Der "Augenbaum", inzwischen leider gefällt...
...trotzdem faszinierend.
...dann begegneten uns immer wieder "Hinweise auf kultische Handlungen" unserer Zeit. An vielen Bäumen hingen Bändchen. Spiralen und andere Zeichen wurden in Felsen geritzt. In einem zugewucherten Tal wurden Labyrinthe und Steinkreise errichtet...
Bunte Bänder hängen immer wieder mal an Bäumen und Gebüschen.
Ich mag Spiralen!
Ein spiraliges Labyrinth.
Einer von recht vielen Steinkreisen.
Ein OM in der Nähe vom Felsengrab.
Letztenendes zählt doch, was die Externsteine heute sind...
...und das ist ein buntes, wunderschönes, vielseitiges, verteiltes Kuddelmuddel von ganz kleinen bis etwas größeren Kultplätzen, die von vielen, ganz individuellen Menschen gefunden, gestaltet oder weiterentwickelt wurden. Die jede*r für sich anders interpretiert und nutzt, und die uns alle zusammenbringen.
 
Es war uns dann irgendwann doch ziemlich egal, was früher dort war oder nicht, ab wann man welche Gottheiten verehrt hat oder ob überhaupt. Man muss diesem Ort nicht extra eine möglichst epische Vergangenheit andichten. Man kann auch einfach bewusst akzeptieren, dass nur wenig rekonstruiert werden kann, und stattdessen diese moderne Entwicklung beobachten und sich darüber freuen - ich hab jedenfalls lieber einen zwei Jahre alten, aber benutzten Steinkreis mit Geschichen derer, die gerade darin getrommelt haben als falsche Informationen darüber, welche Riten angeblich schon vor 10.000 Jahren am Felsengrab vollzogen wurden...
So einen Steinkreis möcht ich mir auch mal bauen...