Dienstag, 28. Oktober 2014

Besondere Plätze in Irland: Mysterium Newgrange

Aloha!

In der Reihe "Irische Steine" stelle ich euch heute das "Hügelgrab" Newgrange vor. Das erste mal hab ich davon vor etwa 14 Jahren gehört und wollte seitdem unbedingt mal hin. Es ist ein sehr beliebtes Touristenziel, so dass wir die Erfahrung nicht ganz für uns allein hatten, aber da wir früh morgens kamen wo es noch nicht sehr voll ist, war es trotzdem noch ganz angenehm.

Normalerweise finde ich es furchtbar langweilig, mir die Baugeschichte etc. von irgendwas durchzulesen (geschweige denn in einem Blog niederzutippen), aber im Falle von Newgrange ist es unglaublich beeindruckend. Die Menschen, die es vor über 5.000 Jahren erbaut haben, kannten weder das Rad noch Werkzeuge aus Metall. Wie und was sie da aber geschaffen haben zeigt, dass sie bei weitem nicht so primitiv gewesen sein können, wie wir es uns vorstellen, und außerdem ziemlich gute Kenntnisse besaßen über Architektur, Astronomie und die Region in der sie lebten.

Newgrange von außen, links der verfallene Zustand,
rechts die Rekonstruktion der umgebenden Mauer.
Newgrange liegt in einem Flusstal namens Brú na Bóinne, was wörtlich übersetzt "Palast der weißen Kuh" heißt, generell aber als "Wohnstatt der Göttin Bóinn" gedeutet wird. In diesem Tal siedeln seit über 10.000 Jahren Menschen! Es gibt es zahlreiche megalitische Bauten und Kultstätten, die zwischen 5.500 und 3.500 Jahre alt sind. Newgrange wurde vor etwa 5.200 Jahren errichtet (damit ist es noch ein ganzes Stück älter als die Megalithen von Stonehenge und die Pyramiden von Gizeh). Es ist nicht nur das größte, sondern auch eines der ältesten Bauwerke im Tal. Knowth und Dowth sind zwei weitere, ähnlich angelegte Hügelgräberanlagen in der Nähe, die etwas früher entstanden. Insgesamt wurden bislang 40 kleinere und größere Grabhügel sowie zusätzliche Steinkreise, Reste von Holzpfostenkreisen, Opferseen und andere Kultstätten im Tal gefunden.

Bau von Newgrange:
Eingangsbereich heute. Rechts vom Eingang steht die "Tür".
Die Megalithstruktur unter dem Erdhügel bestand aus verschiedenen Steinen. Um die Basis des Hügels liegt ein Ring aus 97 sehr großen Grauwacke-Steinen.

Die Menschen, die diese herangeschafft haben, hatten als Hilfsmittel nur Holz, Knochen, Seile und ganz viele Steine zur Verfügung. Vermutlich wurden die riesigen Steine mit Hilfe von Seilen auf liegenden Baumstämmen vorangezogen und aus einer Entfernung von 3 bis 5 km herangeholt. Gegraben wurde mit Schaufeln aus Schulterblattknochen. Die Wände der Grabkammer, ihr von innen 6 m hohes Kraggewölbe sowie Seiten und Decke des 22 m langen Ganges dorthin bestehen aus 450 weiteren solcher Grauwackesteine, wenn auch meist etwas kleineren Stücken. Das Deckengewölbe ist bis heute dicht!

Einige dieser größeren Steine, in und außerhalb der Kammer, sind mit Spiralen, Wellen, Rauten und Zickzackmustern verziert. Über die Bedeutung können nur Theorien angestellt werden. Vielleicht stellen die Spiralen die Sonne dar, der in Newgrange zur Wintersonnenwende eine besondere Bedeutung zukommt (siehe weiter unten). Von den Rauten wird vermutet, dass sie Felder darstellen, während die Wellen den Fluss Boyne symbolisieren könnten. Dies interpretiert man als die drei wichtigsten "Götter" der damaligen Siedler: Sonne, Land und Wasser. Es kann aber natürlich auch etwas vollkommen anderes damit gemeint sein.
 
Beeindruckend ist jedenfalls, wie mühevoll diese Gravierungen angefertigt wurden, da man als Werkzeuge nur weitere Steine zur Verfügung hatte.



Verzierte Steine an der Basis des Grabhügels.
Um die größeren Steine wurden zwei verschiedene Arten kleinerer Steine gefunden: grauer Granit und weißer Quarzit, die aus den Bergen rund 50 km im Norden bzw. Süden stammen. Die Menschen scheinen damals wohl einen großen Radius der Landschaft um das Tal herum erkundet zu haben um diese verschiedenen Steinsorten zu kennen und zu holen. Die heutige Rekonstruktion der umgebenden Wand ist eine Interpretation, wie es früher ausgesehen haben könnte. Wie Forscher so sind, hat da jeder eine etwas andere Meinung und an der Version wird wild herumkritisiert, unter anderem da die Wand als zu steil angesehen wird und ohne den heutigen Einsatz von Stahlbeton wohl nicht möglich sei.
Nun gut, ich hab ähnlich steile Mauern im eisenzeitlichen Staigue Fort gesehen, die problemlos noch immer halten, aber wie dem auch sei: einfach merken, dass dies nur eine von vielen Theorien ist.

Der Rest des Hügels wurde dann mit etwas weniger Aufwand fertiggestellt, indem Steine aus dem "nur" rund 1 km entfernten Flussbett des Boyne aufgetürmt wurden. In der Nähe wurden Reste von Ansiedlungen gefunden, so dass davon ausgegangen werden kann, dass es damals ungefähr so wie in diesem Diorama aus dem Besucherzentrum aussah:

So könnte die Siedlung ausgesehen haben, mit Newgrange im Hintergrund auf dem Hügel.
Funktion und Nutzung:
Wozu Newgrange genutzt wurde, kann heute nur noch vermutet werden. Gemeinhin wird es als Hügelgrab bezeichnet, da man im Inneren einige verbrannte Knochenreste von 5 Personen fand. Aber vermutlich war es mehr als nur ein Grab, worauf auch Befunde hindeuten, dass die Stätte über mehrere Hundert Jahre genutzt worden sein muss. Dass das nur für das Begräbnis von einer Hand voll Leuten geschehen ist, ist ja schon eher unwahrscheinlich.

Newgrange ist hauptsächlich dafür bekannt, dass es eine Öffnung oberhalb der Tür hat, durch welches am Morgen der Wintersonnenwende (und auch an einigen Tagen davor und danach) die Sonne hereinfällt. Da der Gang etwas bergauf geht, fällt der Lichtstrahl auf dem Boden entlang. Ursprünglich erreichte er die hintere Platte in der Kammer, inzwischen (aufgrund des leichten Pendelns der Erdachse) endet er etwa einen Meter davor. Man vermutet, dass damit nicht nur eine Art Kalender erstellt wurde, sondern dass diese Wiedergeburt der Sonne auch eine wichtige kultische Bedeutung hatte. Möglicherweise wurden die Knochen der Toten in der Kammer unter der Erde bis zur Wintersonnenwende aufbewahrt, damit ihnen das Licht der wiederkehrenden Sonne neues Leben gibt.

Verfall und Wiederentdeckung:
Die Fundstücke aus dem Inneren von Newgrange deuten darauf hin, dass die Kammer ab spätestens 2000 v.u.Z. nicht mehr genutzt wurde. Man weiß nicht, was die Menschen dazu gebracht hat, die (letzten?) Knochen darin zurückzulassen, die Kammer zu verschließen und nicht mehr zu öffnen. In der Umgebung wurden jedoch weitere Bauwerke errichtet, beispielsweise ein Kreis aus Holzpfählen vor dem Eingang und, nachdem diese bereits wieder verschwunden waren, ein Steinkreis um Newgrange herum, welcher vermutlich eine astronomische Funktion hatte.

Mit der Zeit erodierte der Hügel auf Newgrange: Die Wände aus Granit und Quarz gaben durch Druck und Wettereinflüsse nach außen nach, die Füllsteine und das Erdreich rutschten nach. Auch der Eingang wurde irgendwann verschüttet. Irgendwann sah Newgrange aus wie ein natürlicher Hügel. Nur im Inneren waren die Kammer und der Gang dorthin weiterhin konserviert.

Newgrange wurde 1699 eher durch Zufall wiederentdeckt: der Grundstückseigentümer brauchte zum Bau einer Straße einige Steine und ließ sie von diesem Hügel abtragen. Dabei stieß man auf den Eingangsbereich. Ein paar Akademiker kamen und sahen sich die Kammer an, danach passierte etwas, was man sich heute kaum vorstellen kann: 200 Jahre lang bliebt die Kammer unbeaufsichtigt, offen und für jeden zugänglich, bis sie Ende des 19. Jahrhunderts endlich unter Denkmalschutz gestellt und entsprechend überwacht wurde. Daher existieren heute leider innerhalb der Kammer viele in den Stein gritzte Graffitis der damaligen Besucher. Möglicherweise wurden auch Gegenstände aus der Kammer entwendet. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden erstmalig umfangreiche Untersuchungen und Ausgrabungen durchgeführt, bei denen auch die astronomische Funktion und das Fenster über dem Eingang wiederentdeckt wurden.

Unser Besuch:
Hinter der Hecke ein Hügelgrab von "normaler" Größe.
Vom Besucherzentrum aus wurden wir mit einem Shuttlebus voller Spanier zu Newgrange gefahren. Während der Fahrt konnte man ab und zu schon kleinere Grabhügel entdecken, Newgrange thronte schließlich ganz oben und war schon sehr eindrucksvoll (ich hab es bereits von weitem auf der Fahrt zum Besucherzentrum entdeckt).

Während der Führung darf man die Kammer in kleinen Gruppen zu etwa 10 Leuten betreten. Der 22m lange Gang ist schon ein ziemliches Loch, durch das man da kriechen muss - geduckt und schräg, zumal man gebeten wird, den Stein möglichst nicht zu berühren. In der Kammer kann man dann bequem aufrecht stehen und es ist auch recht geräumig (zumindest bis sich die anderen 9 Personen plus Guide durch den Gang gezwängt haben).

Hat ein bisschen was von einer Gebährmutter, vielleicht war das ja eine gewollte Symbolik. Die Luft war angenehm, etwas stickig vielleicht, aber ein paar Grad wärmer als draußen. Ich fühlte mich jedenfalls sehr geborgen. In den drei Nischen der Kammer standen riesige Steinschalen, in denen damals die Überreste einiger Knochen und weitere Dinge wie Schmuckperlen entdeckt wurden. Die Lichtverhältnisse während der Wintersonnenwende wurden mithilfe von einem Scheinwerfer vor dem Fenster über der Eingangstür dargestellt. Da man in der Kammer leider nicht fotografieren durfte, habe ich an gerade dieser ganz besonderen Stelle keine Bilder für euch - aber bemüht ruhig mal die Google Suche, es gibt da einige sehr schöne offizielle Fotos! Ich habe mir nach dem Besuch zwei Postkarten als Erinnerung gekauft.
Danach krochen alle den Gang wieder hinaus, was ähnlich mühselig wie der Weg hinein war, aber hier hatte man zumindest den Ausgang vor Augen. Jeder zweite haute sich dann noch trotz mehrmaliger Warnung der Tourleiterin den Kopf am Ausgang an, ich zum Glück net (aber ich hab ja auch eine einigermaßen steinzeitkonforme Körpergröße). Sehr schade, dass das so schnell vorbei ging - ich wäre gern viel länger drin geblieben. So konnten wir aber zumindest nochmal den ganzen Komplex umrunden, die bemeißelten Steine anschauen, über die Überreste des Steinkreises drum herum spekulieren und die Aussicht über das Tal genießen.
Rundweg um den Grabhügel, hier sieht man nochmal den äußeren Steinring.
Wir fragten uns, ob unter den vielen unauffälligen Grashügeln von Irland vielleicht noch irgendwo ein weiteres Newgrange schlummert...

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