Sonntag, 24. Januar 2016

Winterbäume

Moin moin,
heute mittag bin ich über eine Fotoblogaktion von Lotta liebt Blau gestoßen, es geht darin um Winterbäume. Der Winter kam in meiner Region dieses Jahr ja leider nicht so aus dem Knick. Obwohl es in den letzten Tagen wenigstens mal kalt wurde (dann aber richtig!) kam nur ein bisschen Schnee, der eigentlich auch sofort wieder weg war. Im Wald war um die Wintersonnenwende alles viel zu grün, trotzdem fehlt das Laub an den Bäumen, was dann insgesamt so aussah als wäre es Frühling und die Bäume wären über den Winter gestorben...

Also tröste ich mich gerade mit den wirklich wunderschönen Fotos, die in der Blogaktion schon verlinkt wurden, und krame selbst ein paar winterliche Bäume aus meinem Archiv für euch:
Letzten Winter auf dem Weg zur Arbeit...
Auf dem Feldberg im Taunus.
Letztes Jahr an einem superkalten Morgen am See.
Auf dem Altkönig im Taunus - der Schnee lag rund nen Meter hoch damals.
Ich wünsche euch allen einen schönen, winterlichen (und hoffentlich nicht nur matschig-kalten) Februar!

Freitag, 15. Januar 2016

Abgedrehte schamanische Reisen oder: wenn das Krafttier Paganfolk hört...

Aloha,
letztes Jahr auf der Ostara-Veranstaltung der Eldaringleute hab ich ja bei einer schamanischen Reise mein Krafttier gefunden. Nicht das, was ich erwartet hätte, aber wenn man es sich recht überlegt doch sehr passend: ein fluffeliges dickes Kaninchen.
Einige von uns waren damals etwas irritiert, was für merkwürdige Sachen man da sieht oder erlebt, und die liebe Ravena, die die Reise geleitet hat, hat uns erklärt, dass wilde Sachen, die absolut keinen Sinn machen und die man sich unmöglich ausgedacht haben könnte gerade der beste Anhaltspunkt dafür sind, dass man es tatsächlich richtig gemacht hat und die Reise nicht halbbewusst eingebildet war. Denn dann wäre ja etwas passiert, was man erwartet hätte.

Danach war ich noch drei oder vier mal bei dem Kaninchen, die Abgedrehtheit hielt sich noch in Grenzen (abgesehen von einer dreidimensionalen, sich ständig verändernden Weltkarte, Teekränzchen in Vanaheim und gelegentlichen Ausflügen ins Weltall...). Neulich aber hatte ich dann wirklich so einen "Was zur Hel..?"-Moment, den ich gern mit euch teile.

Hintergrund: seit einiger Zeit stehe ich vor einer Aufgabe, die erstmal ziemlich erschlagend wirkt und auf die ich eigentlich auch keine Lust habe. In einer früheren Reise zum Kaninchen stand diese Aufgabe in Form von einem riesigen Steinhaufen, über den man nicht mehr drüber gucken kann, mitten in meinem "Seelengarten". Na toll, jetzt verfolgt mich das sogar hier her. Aber das Kaninchen scheint praktisch veranlagt und meinte nur, ich soll genauer hinsehen - und ja, schön, alle Steine sind nur etwa faustgroß, man kann sie bewegen. Aber jeden einzeln. Für sich. Den ganzen verdammten Berg. Und was ich dann draus bauen soll, weiß ich auch noch nicht so ganz. Die Inspiration kommt dann wohl irgendwann beim Steinesortieren...

Im Dezember kam ich dann wieder. Mag sein dass es Einbildung war, aber der Haufen sah schon etwas kleiner aus, und davor lagen verschiedene Häufchen mit nach Farbe sortierten Steinen. Scheinbar hab ich also schonmal eine Struktur überlegt, die ersten Aufgaben gemeistert und Bausteine zurecht gelegt. Jetzt "nur noch" so weitermachen. Tja, da fing ich dann an zu maulen. Diese Arbeit ist so öde und langweilig, warum soll ich das überhaupt machen? Mir fehlt die Motivation und so weiter. Und dieser blöde Haufen, die ganze Aufgabe wird doch am Ende eh nix ausmachen und ist eigentlich auch gar nicht das, was ich in meinem Leben so vor habe (wenn man es ganz klischeehaft runterbrechen würde möchte ich einfach nur um Bäume tanzen, mein eigenes Essen anbauen, Schafe knuddeln und den Regenwald retten, oder die Wale, oder irgend sowas). Das Kaninchen, geduldig wie immer, meinte nur mal wieder "Schau genauer hin" und zeigte auf den dämlichen Haufen. Etwa auf Brusthöhe lag ein Stein, etwas größer und keilförmig, der nicht zu den anderen passte. "Das ist deine Motivation!" Aha. Dankeschön.

Dann sah ich aber, dass auf dem Stein eine Art rundes Ornament eingraviert war, das ich nicht ganz erkennen konnte. Es sah verschnörkelt aus, aber verschwamm immer wieder wenn man genau hinsehen wollte. Ich habs eine Weile lang versucht und dann wieder mein armes Kaninchen ratlos angeguckt (Krafttiere brauchen manchmal echt Nerven glaub ich...). Es meinte, es sei ganz einfach, denn ich kenne das Symbol schon. Also gut, nochmal draufgeguckt mit dem Gedanken "du musst es nur wiedererkennen", und *PLOPP*:  das Logo der Band OMNIA. Vollkommen bescheuert, was hat das auf einem Stein in meinem Seelengarten verloren? Ist das Kaninchen auch Fan der Band? Oder bilde ich mir das Symbol grade ein? Das Kaninchen fragte mich, was ich damit denn verbinden würde. Naja, ziemlich genau das, was ich in meinem Leben so vor hatte (siehe weiter oben). Und "Earth Warrior", obwohl es nicht mein Lieblingslied von der Band ist. Das Kaninchen stellt beruhigt fest, dass der Groschen endlich gefallen ist: "Genau - und wenn du einer sein willst, ist das deine Waffe!" Und wo ich so wieder auf den Stein blicke fällt mir auf, dass die Keilform grob an einen Dolch erinnert. Und ja, meine Aufgabe hat ~irgendwie~ mit Umweltschutz zu tun. Ist vielleicht einer von Millionen kleinen Schritten in Richtung einer besseren Welt. Nur hielt ich den Impact für so verschwindend gering, dachte es geht sowieso unter. Aber auch wenn ich nicht die ganze Schlacht gewinnen kann mit meinem Dolch, dann ist das trotzdem ein Teil vom Ganzen, den ich, und in dieser Form auch nur ich leisten kann.

Ja, und was mach ich jetzt mit dem OMNIA-Steinkeil-Dolch? Die ganze Zeit in der Hand halten will ich ihn ja nicht, wieder hinlegen ist auch blöd, da ist er im Weg. Als wär der ganze Besuch nicht schon irgendwie total abgedreht zückt das Kaninchen aus dem Nix ein Podest, auf dem man den Stein elegant präsentieren kann. Wir befestigen ihn in der passender Halterung und tanzen dann gemeinsam drum herum...


Tja, letztenendes war es dann doch so einfach... Man sieht anscheinend manchmal, auch bei schamanischen Reisen, den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil man vielleicht alles viel zu kompliziert oder opulent-mystisch erwartet. Dabei kann das Krafttier auch einfach ganz profane Alltagssymbole verwenden (würde mich interessieren, ob bei jemandem im Seelengarten schonmal eine McDoof-Filiale aufgemacht hat oder ähnliches...).

Wer selbst mal eine Schamanische Reise ausprobieren will und nicht die Möglichkeit hat, das mit einer erfahrenen Person zu machen, die die Meditation führt, dem kann ich zumindest zwei Bücher empfehlen, die ich mir im Nachgang meiner ersten Reise besorgt habe (nachdem ich eine Stunde den Sessel in unserer spirituellen Buchhandlung blockiert und wirklich jedes dort vorhandene Buch zu dem Thema durchgeblättert hab):
  • Sandra Ingerman: Die schamanische Reise: Ein spiritueller Weg zu sich selbst
    Obwohl es recht dünn ist mit sehr detaillierten Infos, auch für das generelle Drumherum. Hinweise was man versuchen kann, wenn irgendwas nicht klappt. Mit CD und für die erste Reise auf jeden Fall empfehlenswert.

  • Stefan Limmer: Schamanische Seelenreisen
    Ebenfalls mit CD. Enthält viele Übungen, auch für den Alltag. Hinsichtlich Vorbereitung und Drumherum nicht ganz so ausführlich, dafür werden hier noch verschiedene Archetypen beschrieben, die man gemeinsam mit dem Krafttier besuchen kann, was ich vor allem für weitere Reisen hilfreich finde (auch wenn die natürlich bei jedem anders aussehen können - mein Schmied hat z.B. keinen Hammer, sondern ist eine webende alte Frau, das Prinzip ist aber das gleiche). Man bekommt Ideen, was man "drüben" so unternehmen kann bzw. bei welchen Situationen sich eine Reise anbietet. Außerdem erwähnenswert ist die wirklich superschöne Aufmachung des Buches.
Als Hintergrundtrommeln nutze ich übrigens inzwischen nicht mehr die geführten Stücke auf den CDs, sondern welche von James Vermonts toller Homepage Nebeltrommel.at. Für den Einstieg würde ich aber ein Stück mit Erklärung zumindest am Anfang und Ende empfehlen, dazu gibt es auf youtube auch verschiedene.
 
Und: Geduld mitbringen. Es ist zwar recht einfach, klappt aber trotzdem nicht immer sofort. Entspannen und irgendwann einfach nochmal versuchen.

Freitag, 8. Januar 2016

Ahnenprojekt: meine Mama

Ihr Lieben,
im Jahr 2013 hatte ich ja ein Ahnenblogprojekt vorgeschlagen und die Lebensgeschichte meiner Uroma erzählt.

Heute möchte ich nun die Geschichte von meiner Mama erzählen. Sie ist ziemlich traurig.
Ich habe ehrlich gesagt keine große Lust, die Geschichte meiner Oma auch extra aufzuschreiben. Aber ihr werdet sie auch über die Geschichte meiner Mama genug kennenlernen... Und ich weiß, dass es langweilig ist einen Text ohne Bilder zu lesen, aber momentan möchte ich keine Fotos bloggen. Vielleicht später mal. Es ist lang, aber es ist auch sehr persönlich. Von daher: wer es nicht lesen mag, der hat es auch nicht verdient.


Meine Mama wurde 1950 in Berlin geboren. Wir verstanden beide nicht wirklich, warum. Meine Oma wollte ganz offensichtlich niemals "Gören", und hatte auch mehrere Abtreibungen, die damals nicht nur illegal, sondern auch höchst gefährlich waren. Aber meine Mama hat sie irgendwie doch behalten. Vielleicht für den gesellschaftlichen Status, oder weil Mamas Vater einfach ein Kind wollte. Er wurde einige Jahre nach der Geburt meiner Mama Alkoholiker. Regelmäßig schlug er die Oma, die rannte mit meiner Mama zusammen dann nachts über die Straße zur Uroma. Der Uropa wollte dann mit einer Axt hinüberlaufen und den Vater umbringen, so dass Uroma, Oma und meine Mama ihn schreiend daran hindern mussten. Einmal hat aber auch meine Mama, damals erst 7 oder 8, ihrem Vater gedroht dass sie ihn irgendwann umbringen würde. Schließlich aber ließ sich die Oma scheiden.

Das war lange Zeit das einzige, was ich über Mamas Kindheit wusste. Die andere Seite deckte sie erst viel später auf. Die Oma war eine Diva, das wichtigste in ihrem Leben war gut aussehen, Tanzen gehen, von Männern bewundert werden. Ihr Mann war Verkäufer und verdiente nicht genug, um ihre ständigen Wünsche zu erfüllen. Meine Mama meint, es habe Anzeichen gegeben, dass die Oma fremd ging. Die Uroma bezeichnete sie sogar als "mannstoll", nach dem Tod der Oma haben wir eine Kiste voller Fotos von verschiedenen Besatzern gefunden, die alle als "große Liebe" tituliert wurden. Die Uroma und die Oma waren sich spinnefeind. Das lag nicht nur an den Männergeschichten und der Oberflächlichkeit der Oma, sondern vor allem daran, wie sie ihr Kind behandelte. Meine Mama wurde von ihr oft geschlagen und bedroht. Wenn sie morgens in den Kindergarten gebracht wurde hat die Oma ihr zugezischt "und wenn du nicht artig bist dann wirst du hier nicht mehr abgeholt". Vor Angst hat sie sich dann oft in die Hose gemacht und den ganzen Tag am Fenster gestanden und gezittert, bis die Uroma sie abgeholt hatte. Als letzte im ganzen Kindergarten, denn die Uroma musste häufig Überstunden machen und der Fußweg war weit.
Freunde hatte meine Mama kaum, da die meisten Eltern ihren Kindern den Kontakt verboten hatten wegen dem Alkoholiker als Vater. Es gibt einige Fotos von ihr als Kind. Erstaunlicherweise lächelt oder lacht sie auf fast jedem davon, sogar wenn ihre Eltern im Hintergrund ausgesprochen angefressen gucken, weil sie sich Minuten vorher noch heftig gestritten hatten.

Als schließlich der Uropa starb, nahm die Uroma meine Mama zu sich in ihre winzige Wohnung. Es gab nur ein Schlafzimmer und eine Küche, die Mama schlief auf einer Sitzbank in der Küche. Die beiden hielten eisern zueinander. Sie schaffte einen Realschulabschluss und startete eine Ausbildung. Vermutlich wäre mehr drin gewesen, aber sie hatte starke Konzentrationsprobleme in der Schule. Niemand kümmerte sich ernsthaft um ihren Erfolg, vorrangig war außerdem, dass sie möglichst früh Geld verdient, da die Uroma wenig hatte und der Oma Dinge wie Pelzmäntel und Handtaschen wichtiger waren.

Mit einem Job, einer eigenen schönen Wohnung und einem Auto hatte sie dann erstmals sowas wie Freiheit. Der Kontakt zur Oma wurde deutlich weniger. Jemand verlobte sich mit ihr. Mit Kolleginnen besuchte sie im Berlin der 70er Jahre Discos und Clubs der amerikanischen Besatzer. Spontan fuhren sie mit weiteren Freunden, darunter auch schon mein Papa, nachts nach Hamburg, um dort morgens den Fischmarkt zu besuchen, oder mit fast auseinanderfallenden Autos zu Urlauben in Jugoslawien. Mit einer der Kolleginnen entstand eine tatsächlich lebenslange, enge Freundschaft.

Mama glaubt an Schutzengel und daran, dass ihrer ihr schon einmal das Leben gerettet hat. Mit einem Freund aus Jugoslawien war sie in einem Käfer auf der Stadtautobahn unterwegs, als sie bei hoher Geschwindigkeit in einer Kurve die Kontrolle verlor. Der Käfer wurde über die Leitplanke geschleudert, rollte einen Hang hinauf, hielt kurz an und rollte dann wieder zurück, blieb schließlich auf dem Dach liegen. Als die Rettungskräfte kamen waren die sich sicher, dass sie niemanden lebend aus diesem Auto ziehen. Aber Mama und ihr Freund saßen weiter oben auf dem Hang, zogen sich im Schock die Glassplitter aus der Haut und betrauerten, dass das Auto schrott war. In dem nachfolgenden Kuddelmuddel von Ersthelfern und Rettungskräften stahl dann jemand noch ihr Portemonnaie aus der Handtasche.

Meine Mama ist aber ein Mensch, der, vermutlich aufgrund ihrer Kindheit, alles tut um von anderen geliebt zu werden. Sie opfert sich auf, immer in der Hoffnung auf nur ein kleines "Das war aber lieb von dir, dankeschön, ich hab dich lieb!". Und so wurde sie leider auch immer wieder ausgenutzt. Beispielsweise von einigen "besten Freundinnen", aber auch von ihrem Verlobten, der als Student lange auf ihre Kosten lebte. Sie wurde von ihm schwanger, aber da die Beziehung nicht gut lief und er das Kind nicht wollte, ließ sie es schweren Herzens abtreiben. Das war auch in den 70ern noch illegal, aber die Frauen wussten sich zu helfen. Unter der Hand wurden Kontakte zu Ärzten weitergegeben, die heimlich Schwangerschaftsabbrüche durchführten. Einen davon kannte sie über die Arbeit. Sie ging alleine hin, es wurde abends nach Feierabend in der Wohnung des Arztes gemacht. Es kostete sie fast ein ganzes Monatsgehalt. Falls etwas schief läuft und sie im Krankenhaus aufwacht, sollte sie sagen, dass sie ihn besucht und dann eine Fehlgeburt bekommen habe. Aber alles lief gut. Ihr Verlobter sagte nichts dazu, drückte ihr Tage später dann kommentarlos eine einzelne Rose in die Hand. Einige Zeit nachdem sich die beiden getrennt hatten fand sie heraus, dass er sie über Jahre mit einer anderen Frau betrogen hatte.

Mein Papa traf sie das erste Mal beim Einzug in das Studentenwohnheim auf dem Hausflur auf einem Sofa sitzend, rauchend und meckernd. Und dachte sich wohl gleich "die möcht ich haben". Leider war sie da noch die Verlobte seines Nachbarn. Weil sie bei dem im Zimmer aber nicht rauchen durfte, hockte sie dazu immer (vermutlich ebenfalls meckernd) auf dem Etagenklo. Als mein Papa sich eines Tages Wasser für eine Kanne Kaffee holen wollte und sie dort vorfand, bot er ihr gewitzt an, dass sie doch bei ihm rauchen könne, da gibts sogar noch Kaffee dazu. So saß sie dann meist nicht mehr bei ihrem Verlobten, sondern bei meinem Papa, und die beiden spielten Schach und tranken Kaffee. Einige Jahre später heirateten sie, und nochmal 4 Jahre später kam ich zur Welt. Meine Mama sagte, das waren die schönsten Jahre in ihrem Leben. Schon kurz darauf begannen die Depressionen und Angstzustände.

Bei meiner Mama hatten die Depressionen und Angstzustände eine biologische Ursache. Im Hirn konnten bestimmte Botenstoffe nicht mehr andocken. Es handelt sich um eine vererbbare Stoffwechselkrankheit, die irgendwann im Leben ausbrechen kann. Meine Oma hatte sie ebenfalls, aber erst viel später im Leben. Bei mir gab es bislang noch keine Anzeichen. Was genau das Ausbrechen getriggert hat, wusste die Mama nicht, aber es gab mehrere einzelne Situationen, die vermutlich alle ein Stück dazu beigetragen haben. Meine Uroma starb, als es ihr gerade am schlimmsten ging.

Zunächst versuchte meine Mama, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Depression war damals noch weitgehend unbekannt oder wurde nicht ernst genommen. Es dauerte lange, bis sie einen kompetenten Arzt fand. Viele Freunde wendeten sich von ihr ab, weil sie ihnen plötzlich zu kompliziert wurde. Seitdem nahm sie starke Psychopharmaka und ging zeitweise in Therapien. Dazu kam dann noch, dass wegen mir die Oma wieder sehr stark in ihr Leben getreten ist. Ich war das einzige Enkelkind und quasi heilig, obwohl die Oma ja mit "Gören" nie etwas anfangen konnte. Meiner Mama hatte sie früher noch gedroht, dass falls sie "mit einem Gör ankommen" würde, sie es ihr aus dem Leib prügeln würde. Aber ich wurde mit Geschenken überschüttet. Je mehr sie mich betüddelte und die liebe Omi war, desto mehr kränkte sie meine Mama, die immer nur dafür gut war, der Oma zu dienen. Sie hatte die Mama von Anfang bis Ende in einem psychischen Würgegriff.

In unserem Familienleben musste viel weggesteckt werden - zum einen ist die Mama bei der kleinsten Ursache unerwartet explodiert oder in Tränen ausgebrochen. Zum anderen musste wegen der Angstzustände alles ständig überwacht werden. Weil sie aufgrund der Krankheit nicht mehr arbeiten konnte, bezog sie ihren Selbstwert nur aus dem Haushalt, und entwickelte einen Putzzwang. Der gesamte Zeitablauf in der Familie war fast auf die Minute geregelt. Freunde von mir haben den Kopf geschüttelt und hielten mich für bescheuert, dass ich das mitmache. Aber zum einen kannten sie meine Mama nicht richtig (tat ich selbst ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig!), zum anderen war ich es schlicht nicht anders gewohnt. Wegen der Oma stritten sich meine Eltern oft.

Dass ich irgendwann eine eigene Wohnung hatte und zwei Jahre später dann auch noch in ein anderes Bundesland zog, muss unglaublich hart gewesen sein für meine Mama. Aber kurz nachdem ich auszog, besorgten sich meine Eltern einen Hund. Der schweißte sie wieder ein bisschen zusammen und machte beide sehr glücklich. Durch die Therapie hat meine Mama an vielen Stellen sehr an sich gearbeitet. Und sie hat mir von ihrer Geschichte erzählt, mir erstmals erklärt woher ihre Krankheit wohl stammt. Der Putzzwang ließ etwas nach, Änderungen im Tagesablauf waren nicht unbedingt willkommen, aber auch kein Grund mehr für Panik. Mein Papa hörte schließlich auch auf zu Arbeiten und freute sich auf "noch ein paar schöne Jahre zusammen". Wenn da nicht immer noch meine Oma gewesen wäre. Bis ganz zum Schluss, im Altenpflegeheim, ist meine Mama für diese Frau gerannt und hat gemacht und getan, teilweise obwohl es ihr selbst gerade psychisch oder auch physisch schlecht ging... Nachthemden gebügelt, Zeitschriften eingekauft usw. usf., während die Oma weiterhin genau wusste, was sie sagen muss, damit meine Mama anfängt zu weinen. Wenn es um Oma ging, erzählte die Mama mir oft, dass die Uroma früher immer zu ihr sagte "Du wirst sehen, die (Oma) überlebt uns alle.".

Als ich über Weihnachten da war, war meine Mama wegen der Oma nervlich am Ende. Die Oma stand kurz vorm Sterben, aber sogesehen tat sie das seit über 10 Jahren immer mal wieder. Wie schon ein paar mal sagte Mama mir, dass ihr Leben bis auf eine kurze Zeit in der Mitte von vorn bis hinten scheiße war. Dass sie nie darum gebeten hätte, geboren zu werden. Ich meinte zu ihr "Bestimmt wird bald alles besser." (genauer haben wir das nie gesagt, aber allen war klar, dass sich das darauf bezieht, dass die Oma wohl bald stirbt) "Schließlich ist Uroma auch 95 geworden, also wer weiß, 30 Jahre oder so hast du noch!" Ich hab mich geirrt. Es waren 12 Tage.

Meine Mama fiel vor einer Woche, am Neujahrsabend, urplötzlich um. Gehirnblutung. Vermutlich war sie sofort hirntot. Am Morgen darauf erreichte das Blut den Bereich im Gehirn, der für Herzschlag und Atmung zuständig ist. Was davon zuerst stoppte, weiß ich nicht. Wir haben oft über den Tod gesprochen. Sie wollte keine Maschinen, keine Wiederbelebungsversuche. Sie hatte immer fürchterliche Angst davor, alt, gebrechlich und ein Pflegefall zu werden. Sie hatte Panik, dass sie miterleben muss, wie ihr Hund oder mein Papa sterben.

Mama, ich hoffe dir geht es gut wo du jetzt bist. Und grüß die Uroma von mir. Irgendwann bin ich bei euch.



Übrigens hat man am Nachmittag meiner Oma ein starkes Beruhigungsmittel gegeben und ihr dann erklärt dass ihre Tochter gestorben ist. Sie ist darauf sofort eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Am Nachmittag des nächsten Tages hatte sie keine Vitalzeichen mehr. Sie hat tatsächlich alle überlebt. Und in mir sitzt ein dämlicher Gedanke, der nicht weggeht. Dass meine Mama sterben musste, nur damit die Oma endlich gehen kann, die sich seit Jahren ans Leben gekrallt hat, weil sie Angst vor dem Tod hatte.

Mama und Oma werden demnächst zusammen bestattet. Nichtmal da bleibt sie von der Oma verschont. Aber die Beisetzung wird auf einer grünen Wiese stattfinden, ohne Feier, wie meine Mama es sich gewünscht hat, mit ihrem Lieblingslied. Die Oma wollte ein Orgelkonzert. "Für wen?" hat mein Papa gefragt. Der Organist würde für sich selbst spielen.