Dienstag, 22. September 2015

Island: wo man sein Häuschen NICHT hinbauen sollte

Aloha,
ich war gerade anderthalb Wochen wieder in Berlin, daher war hier kurz Pause. Aber einen letzten, sehr eindrucksvollen Streckenabschnitt von Island hab ich noch für euch. Heute gibt es (passend zum aktuellen Wetterwechsel draußen) Eis, Sturm und Dunkelheit!

Im Südosten Islands liegt der riesige Gletscher Vatnajökull (jökull, ausgesprochen "jökytl" bedeutet Gletscher). Er wuchs zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert in der "kleinen Eiszeit" stark an, verlor dann aber wieder ca. 10% seiner Größe. Wie gigantisch er ist, wird klar, wenn man sich vorzustellen versucht, dass nur diese 10% schon 300 km³ waren (also ein 1 km breiter und 1 km tiefer Graben von Bremen nach Frankfurt). Das darin gespeicherte Wasser hat den Meeresspiegel um einen Millimeter angehoben.

Der Vatnajökull entwässert sich über viele Gletscherzungen. Eine besonders große davon mündet in den Gletschersee Jökulsárlón (Gletscherflusslagune)... Schaut euch den See in Google Earth an, auch von oben ist er sehr schön!
Riesige weiße und türkise Eisberge treiben auf dem Gletschersee Jökulsárlón herum.
Im Hintergrund die Gletscherzunge.
Der See hat durch ein grade mal 300 m langes Flüsschen Anschluss ans offene Meer. Dadurch entstehen interessante Strömungen, durch die Salzwasser hineinkommt, was ein Zufrieren des Sees verhindert. Die Eisberge treiben schneller als man bei ihrer Größe erwarten würde hin und her.
Bevölkert wird der See von Vögeln, Robben und Touristen in Amphibienfahrzeugen, die ein kleines Vermögen dafür blechen, sich ein Stück jahrtausendealtes Eis abklopfen zu lassen.

Als wir da waren gab es leider grade ein ausgesprochenes Mistwetter: Strippenregen und starke Windböen. Die Fotos wurden dementsprechend trübe und matschig. Freund demolierte dann auch noch meinen geliebten Schaf-Regenschirm aus Irland, obwohl ich ihm sagte dass der dieses Wetter nicht überlebt

Nun ja,wir hüpften schnell wieder ins Auto und machten uns auf zu einer Etappe mit reichlich wenig Zivilisation rechts und links der Straße... Bald hörte der Regen auf, aber es wurde sehr stürmisch - und schließlich stand ein Geländewagen quer auf der Straße, alle ankommenden Autos wurden auf das Gelände einer verlassenen Tankstelle gewunken. Die Straße war wegen des Sturms gesperrt. Wie lange kann keiner sagen. Umfahren geht nicht, es sei denn man fährt um die halbe Insel zurück und brettert dann durchs Hochland. Also haben wir halt gewartet, Kekse geknabbert und im Auto geschlafen (das teilweise doch beunruhigend wackelte, obwohl um uns herum noch diverse andere Fahrzeuge standen). Geschlagene 6 Stunden später ging es dann weiter - immer noch recht stürmisch, aber deutlich weniger schlimm als vorher. Etwas weiter vor uns kippte dann doch noch ein Anhänger von der Straße, aber wie die Isländer so sind hielten dann einfach ein paar Autos an, Isländer stiegen aus, stellten den Anhänger wieder auf, schoben ihn den Meter Böschung auf die Straße hoch und weiter gings. Zuende war die Fahrt allerdings für ein Campingmobil, das neben der Straße auf der Seite lag. Das Dach lag abgerissen einige Meter weiter. Da wird einem schon komisch zumute - wäre uns das passiert, wären wir ziemlich hinüber und auch noch komplett pleite, denn dafür schließt ja normalerweise niemand eine Extraversicherung ab (wir nahmen bei unserem Mietwagen nur die Zusatzversicherung gegen Steinschlag in der Scheibe - retrospektiv betrachtet absolut sinnvoll, denn am 3. Tag hatten wir schon einen). Manchmal entstehen hier auch Sandstürme, die einem den Lack vom Auto schrubben.

Uns entgegen kamen noch ein ziemlich stark gepanzertes Amphibienfahrzeug und eine Mischung aus Jeep und Ambulanz. Dann ging es weiter über den rund 50 km breiten, ziemlich schwarzen Skeiðarársandur. Dies ist die kahle, platte Fläche, über die der Gletscher ins Meer entwässert. Spürt man hier ein Erdbeben, so sollte man sich zügig vom Acker bzw. Sander machen - denn dann wurde vermutlich ein Vulkan unter dem Gletscher tätig.
Das kann dazu führen, dass Eis abschmilzt und im schlimmsten Fall ein riesiges Wasserreservoir frei bricht. Ein solcher Gletscherlauf setzt derart viel Wasser frei, dass z.B. 1934 allein einer der diversen Gletscherflüsse innerhalb weniger Minuten 9 km breit wurde und rund 64.000 m³ pro Sekunde führte (der Dettifoss, leistungsstärkster Wasserfall Europas, hat im Sommer etwa 600 m³/s, also knapp ein Prozent davon!). 1996 zerstörte so ein Gletscherlauf auch den dortigen Abschnitt der Rundstraße 1 völlig - einen Rest der verbogenen Stahlbrücke hat man als Denkmal aufgestellt.
Das war mal ein Stück Brücke.
Das lila Kraut ist übrigens Alaska-Lupine, die wächst in Island praktisch überall.
Zu dem kilometerweiten Schwarz des Sanders gesellte sich bald eine dichte, dunkle Wolkenschicht. Im Norden in der Ferne sah man den leuchtenden Schnee auf den Bergen und einzelne Gletscherzungen des Vatnajökull, im Süden war irgendwo das Meer. Eine ganz merkwürdige, etwas bedrückende Athmosphäre, die ich aber sehr genossen habe. Die Fotos können das kaum anschaulich machen, da diese riesige Weite und Dunkelheit ringsum einfach nicht abgebildet werden kann...
So dunkel...
...nur am Horizont Licht und helle Gletscherzungen.
Viele kleine Gletscherflüsschen durchziehen den Sander.
Die Fahrt über den Sander dauerte recht lange. Seit Tagen war dies auch das "dunkelste", das wir erlebt haben, denn die Sonne geht ja im Sommer in Island nicht unter...

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